Die gläsernen Wolkenkratzer am Ufer der Moskwa erinnern an Zeiten, in denen der Aufschwung noch nah schien. Doch die Bankiers und Broker haben die Gebäude verlassen. Die Wechselstuben sind geschlossen, weil der Handel mit Dollar verboten ist. Und vor den Lebensmittelläden stehen die Menschen wieder Schlange, um ihre Talony gegen rationierte Milch, Fleisch und Obst einzutauschen. Der Schwarzmarkt blüht, verkauft wird die begehrte Ware vor allem gegen rare, aber harte Dollar. Ärzte und Ingenieure pflanzen Kartoffeln auf ihren Datscha-Grundstücken an, weil sie sonst hungern müßten. Nur einer kleinen Clique von Politikern, Bürokraten und Energiebonzen geht es prächtig wie eh und je: Sie verprassen den Reichtum des Landes - Öl, Gas, Diamanten -, während das Volk darbt.

Es ist nur wenige Monate her, da wäre ein so düsteres Szenario als Horrorvision abgetan worden. Doch seit zwei Wochen laufen die Uhren in Rußland in atemberaubendem Tempo rückwärts. Die Rubelabwertung und das Schuldenmoratorium haben zu einer Situation geführt, die wirtschaftlich nicht mehr kontrollierbar ist - und deren politische Folgen niemand voraussagen kann. Das Bruttoinlandsprodukt fällt, aber niemand weiß, wie tief.

Genausowenig läßt sich vorhersagen, wie weit die Abwertung des Rubel und der Anstieg der Geldumlaufgeschwindigkeit die Preise in die Höhe treiben werden.

Gleichzeitig werden die Steuereinnahmen weiter fallen, während die Ausgaben steigen. Und der Weg auf den Kapitalmarkt ist dem Staat versperrt.

Die Rezepte, mit denen die politische Elite vom geschäftsführenden Premierminister Wiktor Tschernomyrdin bis hin zu den Kommunisten die Krise bewältigen wollen, stammen aus der planwirtschaftlichen Mottenkiste.

Notenpresse, Verstaatlichung, Protektionismus. Brachliegende Banken sollen nationalisiert und mit Krediten versorgt werden

"unbegründete" Preiserhöhungen sind genauso zu unterbinden wie "unredliche Konkurrenz" aus dem Ausland