Die Tür, die einmal der Eingang zum "Interhotel Warnow" war, sollte eigentlich den Gästen auflauern. Ihre großen Glasscheiben sollten die Passanten freundlich spiegeln und sie so verführen, hier einzukehren. Dann sollte die Tür sich öffnen. Aber das bekam sie irgendwie nicht hin. Sie döste in den Tag hinein. Vielleicht schlief sie sogar. Und das Plakat, das von innen an den Scheiben klebte und dem Besucher der Hotelbar versprach, jedes fünfte Rostocker Pils für umsonst haben zu können, kapitulierte zudem vor der Sonne. Das Bier auf dem Photo hatte jegliche Farbe verloren und erweckte den schalen Eindruck, als seien keinesfalls mehr als vier Gläser davon bekömmlich.

Jedenfalls öffnete sich die Tür nicht. In jeder Hand eine Reisetasche, machte ich einen Schritt nach vorn, einen zurück und trat außerdem fester auf. Ich reckte meinen Hals und hob den Kopf, drückte die Schultern zurück, schwang in den Hüften und tat noch andere Dinge, von denen ich hoffte, daß sie eventuell Türen öffnen. Es mißlang. Also hustete ich, wie ich immer huste, wenn mir so ist, als käme ich ungelegen.

Eine Gestalt kam gesprungen, ein Mann oder eine Frau, das war schwer zu erkennen, denn die Gestalt trug eine Uniform, die sie geschlechtslos machte, ja gesichtslos, und sie auf die Tatsache reduzierte hierherzugehören. Die Gestalt riß die Tür aus ihrer Lethargie und stellte sich ihr, als sie sich ächzend wieder schließen wollte, in den Weg. Dann angelte sie einen Strick aus der Uniform, einen, wie ihn jeder bei sich trägt, der sich ums Überleben damit abgefunden hat, auf Unvorhersehbares vorbereitet sein zu müssen. "Wir wollen uns jetzt ganz brav anbinden lassen", sagte die Gestalt zu der Eingangstür.

Auf dem Empfangstresen lag für alle Fälle ein Formular, auf das ich unaufgefordert meinen Namen schrieb und, weil ich keinen Ärger haben wollte, sonst noch so Dinge, die das Formular eigentlich nichts angingen. "Das reicht", sagte plötzlich die Gestalt, die sich mit der Tür geeinigt und mich eingeholt hatte. Sie gab mir ein Plastekärtchen mit Magnetstreifen, setzte sich mit dem Formular vor den Computer, zog die Beine an, krümmte den Rücken und zog sich, bis auf die Hände, die die Tastatur bearbeiteten, vollständig in die Uniform zurück.

Da stand ich neben meinen Taschen und mit dem Plastekärtchen wie gelähmt von einer Gefühlsmischung aus Fremdheit und Tristesse - in einem fremden Hotel und gleichzeitig daheim, denn letztlich war nicht zu überriechen, daß ich mich zu Hause befand. Die Luft, selbst im Innern des Hotels, schmeckte nach dem Salz meiner Kindheit, dem Wasser der Ostsee, und ebenso war mein Zuhause nicht zu übersehen. Die kleine Hotelhalle von ehedem hatte sich einfach nur ausgedehnt und jegliches Inventar gleich mit - das Sprelacard, die Kunstharzmasse, mittels deren die DDR all das imitieren ließ, was ihre Bürger nicht haben konnten, aus der das ganze Land gefertigt war, ächzte unter der Anstrengung, so als sei jemand gekommen und habe gesagt: Alles muß erheblich bedeutender werden!

Dieser Jemand, der Herr Radisson, hat sodann auf die Uhr gesehen, denn er wollte sich noch in den anderen neuen Ländern nach einigermaßen verwendbaren Hotels umsehen. Da ihm nicht mehr viel Zeit blieb, ist er noch bis zu den Aufzügen gegangen, wo die Vitrinen mit den Fischernetzen seit der Eröffnung des Hauses 1967 in die Jahre gekommen waren wie auch die Wandzeitungen mit Bildern aus den Bruderstädten der sozialistischen Ostseestaaten. Herr Radisson wollte, obwohl er einer war, kein Westler sein und sagte: Kann bleiben! Nur in die Wand zwischen den Fahrstühlen - unter die Tasten - wollte er einen Schlitz. Dann ist er weitergeflogen. Sein Schlitz in der Wand ist erhaben über jeglichen Zweifel an der Echtheit des "Radisson Hotels Rostock".

Er läßt so lange keinen Fahrstuhl kommen, bis ich begriffen habe, daß das Plastekärtchen der Schlüssel ist - zum Fahrstuhl, zum Zimmer, zum Tresor. Und zu der Erkenntnis, daß es sonst nichts zu verstehen gibt.