Das sieht aus wie ein Traumstart: erst Geheimtip, dann Bachmannpreis, schließlich eine Spitzenposition im Programm des Berlin Verlags und damit auch im literarischen Herbst. Wenn es nur so leicht und flüssig gelaufen wäre. Denn erstens ist diese Debütantin, Jahrgang 1954, nicht mehr blutjung und zweitens auch keine Debütantin. Doch als Sibylle Lewitscharoff vor vier Jahren für ihre ersten Prosatexte "36 Gerechte" einen Verlag suchte, da fand sich keiner, nur die Nische eines freundlichen Galeristen. Und doch hat die Autorin schon damals bewiesen, daß sie schreiben kann wie wahnsinnig.

Denn darum geht es auch diesmal wieder. Um was? Um Pong, und der ist, schlicht gesagt, verrückt. Beziehungsweise, weil Pong möglicherweise gar keine Figur ist oder sein soll, dann wäre er oder es mindestens das Verrücktheitsprogramm, auf das Sibylle Lewitscharoff ihre Prosa dressiert hat. Die zischt und wirbelt, sprüht über die Grenzen der Korrektheit und Normalität hinaus, betreibt "Selbstaufzüngelung in hundert Formen und Farben".

Pong nämlich geht, echt wahnsinnig, immer aufs Ganze, brütet gern über Weltveränderungs-, Weltbereinigungsprojekten. In mächtigem Gedankensturm unternimmt er es, ein ganzes Land zu entvölkern, um dann in dieses "menschenungetrübte Land" - "Juchhe, es werden die Tiere befreit!" - den gesamten Zoo zu entlassen, vom "rundohrigen Löwen" bis zur letzten Essigfliege. Ist es schon Wahnsinn, hat es doch Methode. Das gilt für Pong so gut wie für dieses Textgewebe. Beide stehen unter Systemzwang.

Denn Pong kann irrsinnig glücklich sein, weil er die ganze Welt in einem ungeheuren, doch eigentlich nur ihm, Gott sei's gedankt und geklagt, erkennbaren Zusammenhang sieht. Was aber auch angst macht und mißtrauisch, weil sich ebendiese ganze Welt auf ihn bezieht, so daß er von überall her bedroht und für alles verantwortlich ist. Das hält ihn unermüdlich in Bewegung, vor allem innerlich, mit Warn- oder Befehls- oder Lockgemurmel im Kopf. Was tun mit den fünf Geschwistern, die man ihm überall andichtet? Was mit dem unendlichen Geld, das ihm eines Nachts auf sein leeres Konto fließt?

Für Pong Denk- und Tataufgaben, denn: "Pong ist der Herr. Er wird die falschen Dinge aus seinem Weg stoßen." Für seine Erfinderin eine Herausforderung ihrer Sprach- und Variationslust. Kein Satz, kein Geschehen darf brav so laufen wie erwartet. Alles muß immer wieder aus den Schienen springen und doch vorankommen. So selbstverständlich leicht und kühn gelingt das, daß man fast vergißt, auf welch hochbesetztem Feld sich diese Wahnlustprosa bewegt.

Da droht nicht nur die wohlfeile Komik der Irrenwitze, sondern auch die expressive Geste, die von "Lenz" und "Woyzeck" bis hinunter zu Kipphardts "März" das irre Anderssein bald als höheren Erkenntnisstand, bald als wehen Sozialfall gefeiert hat. Ganz zu schweigen von allen Genie- und Wahnsinn-Konstrukten oder vom Schizo als dem wahren, vollständigeren, weil undepravierten Menschen, wie ihn Laing und Co. in unseren sechziger Jahren zur Andacht empfohlen haben.

Nichts davon in diesem Buch. Es könnte sich eher berufen auf andere, auf surreale Traditionen, auf den wilden Ubu oder den milden Palmström, auf Lettaus Manig und Eichs Maulwürfe. Vor allem aber versteht sich Lewitscharoff, trainiert am berühmt-berüchtigten FU-Institut in Religionswissenschaft, ganz offensichtlich auf den morbiden Reiz geschlossener Glaubenssysteme, auf deren prächtige, total durchrationalisierte Irrationalität. In den Grübelschluchten solcher logischen Absurdität blüht Pong auf und mit ihm dieses Buch.