Der erste Goldfund am 24. Januar 1848 bei Sutter's Mill lockte innerhalb eines Jahres 80 000 Menschen an die amerikanische Westküste. Goldgräber und Glückssucher, Verrückte und Verbrecher, im Gepäck nur Spitzhacke, Sieb, Kautabak und Flasche. Auch Frauen waren dabei. Etwa zehn Prozent, glaubt man einer Volkszählung aus dem Jahr 1850.

"Die Ballade von Lucy Whipple" erzählt uns die Geschichte von ebenjener zwölfjährigen Lucy, die mit ihren drei Geschwistern von Mutter Arvella aus dem grünen Massachusetts in den Wilden Westen "verschleppt" wird. Genauer gesagt, nach Lucky Diggins, einer Ansammlung von Zelten, Hütten und Verschlägen, über der im Sommer 1849 eine sengende Sonne brütet. Lucy leidet.

Ihre Sehnsucht nach Neuengland ist so groß wie ihr Haß auf Kalifornien. Sie, das so belesene Mädchen, wäscht und putzt und kocht für stinkende Kerle, finstere Typen, fluchende Rohlinge. "So hatte ich mir die Hölle vorgestellt", sagt sie, tröstet sich mit ihrem einzigen Buch "Ivanhoe" und schreibt steinerweichende Briefe an die zurückgebliebenen Großeltern.

In den folgenden vier Jahren werden die Briefe kürzer und seltener.

Einsamkeit und Not schweißen zusammen, in Mutter Arvellas Herberge wächst um die Kernfamilie so etwas wie ein Goldgräberstamm heran. So läßt sich auch die Trauer leichter ertragen, als Lucys jüngerer Bruder Butte stirbt. Butte, der im Saloon geholfen, Spucknäpfe geleert und nebenbei 30 verschiedene Wörter für Saufen gelernt hatte, die er seiner Schwester mit Stolz vortrug. Bei seiner Beerdigung wirft Lucy ihm ein Zettelchen ins Grab, auf dem Nr. 31 steht: "Durch die Gurgel jagen". Sie weiß, es hätte ihm Freude gemacht, denn: "Ich hatte an diesem Morgen ziemlich lange in der Stadt herumfragen müssen, um den Ausdruck zu finden."

Solch tragikomischen Augenblicke wechseln ab mit vollmundigen Erzählpassagen und rührenden Szenen, die der sentimentalen Ader der jungen Lucy entspringen.

Als sie den ehemaligen Sklaven Joe, ihren einzigen Freund, trifft, streckt sie ihm beide Hände entgegen. Die eine hält den Zettel mit einem Vornamen für ihn: Bernard, nach ihrem toten Vater. Die andere einen Nachnamen: Freeman, nach seinem neuen Status. Bernard Freeman, ein wunderschöner Name für einen schwarzen Goldsucher, der sich vor seinen weißen Konkurrenten versteckt hält.