Bonn

Im alten China soll es verboten gewesen sein, darüber zu sprechen, wie lange die Regierungszeit des Kaisers noch dauern werde. Kaisern war das Thema immer unangenehm. Hierarchen sind stets davon überzeugt, unersetzbar zu sein. "Was soll aus Deutschland werden?" hat Adenauer einmal gefragt. Nun ist sein Enkel selbst der Großvater.

Hierarchen lieben die Ewigkeit. Sie haben immer versucht, sich selbst zum Tabu zu machen und die Themen zu bestimmen, über die gesprochen werden darf.

Bei allem Respekt vor dem Gewicht und den Verdiensten des gegenwärtigen Herrn Bundeskanzlers: Wir leben in einer Demokratie. Noch hat keine Regierung der Bundesrepublik bestimmen können, worüber die Wähler nachdenken und sprechen dürfen. Kein Bundeskanzler hat bisher mit einem "Machtwort" darüber entscheiden können, ob und wie lange er sein Amt ausüben will und wer sein Nachfolger werden soll. Wir sind übrigens gerade dabei, dafür ein Parlament zu wählen.

Punkt. Aus. Feierabend.

Natürlich ist es zunächst Aufgabe der Kanzler-Partei zu entscheiden, wen sie vor ihren Karren spannen und wie sie sich mit ihm präsentieren will, reformfreudig, munter oder als beharrungsklotziger Traditionsverein, tausend Blumen oder Kyffhäuser. Es gibt Gründe für den Koalitionspartner, sich in dieser Frage zurückzuhalten. Es ist immer gefährlich, mit Tabus umzugehen.

Die FDP hat mit der Forderung, die Amtszeit eines Kanzlers zu begrenzen, unvergeßliche Erfahrungen gemacht. Sie könnte auch denken, daß jeder Koalitionspartner seine Personalfragen allein lösen müsse. Das ist diesmal falsch, unabhängig davon, daß dem Kanzler selbst solche Zurückhaltung nicht nachgesagt werden kann. Doch der Kanzler wird als einziges Regierungsmitglied vom Parlament gewählt. Auch da gibt es keine Leihstimmen, und die Wahl ist geheim. Schon vor einer Wahl ist es sehr wohl Sache der ganzen Koalition, mit welchem Kandidaten sie sich dabei präsentiert - zumindest dann, wenn dem Wähler eine Koalitionsaussage vorgelegt wird, über die er entscheiden soll.