Evidenzbasierte Medizin heißt der neue Reformvorschlag aus den USA: Alle diagnostischen und therapeutischen Methoden der Medizin werden daraufhin überprüft, ob sie tatsächlich helfen und ob die Kosten vertretbar sind. Auch hiesige Krankenkassen und Oppositionspolitiker glauben, damit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) viel Geld sparen zu können

überflüssige, zu teure oder zu riskante Methoden könnten auf diese Weise aus dem Leistungskatalog der GKV entfernt werden. Just dies bezweifeln freilich viele Ärztevertreter und mit ihnen die Regierungsparteien. Man liegt also im Streit, und alle anderen müssen weiter auf das dringend notwendige Qualitätsmanagement warten, zu dem die evidenzbasierte Medizin ebenso gehören würde wie Leitlinien zur ärztlichen Therapie.

Immerhin hatte der Bundestag mit der sogenannten dritten Stufe der Gesundheitsreform beschlossen, daß der von Ärzten und Krankenkassen besetzte Bundesausschuß den Leistungskatalog der GKV durchforsten soll. Neben allen bislang akzeptierten Leistungen sollen auch die neuen medizinischen Verfahren geprüft werden. Doch schon den ersten Test hat der Ausschuß nicht bestanden: Er hat es sich mit seinem Beschluß gegen Viagra zu leicht gemacht. Hierbei handelt es sich mitnichten nur um Luxusmedizin

schließlich wären für jene Patienten, die auf die Potenzpille angewiesen sind, Ausnahmeregeln möglich gewesen. Dazu hätte es indes einer Leitlinie für Urologen bedurft - und derzeit weigern sich die Ärzteverbände, gemeinsam mit den Kassen Leitlinien zu erarbeiten. Das ist schade, denn würden beide Parteien zusammenarbeiten, dann ließen sich Mißbrauch und Kostenlawinen vermeiden.

Horst Seehofer hat die Verantwortung für die Gesundheitsreform dem Bundesausschuß und anderen Organen der Selbstverwaltung in die Hände gelegt, namentlich den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Spitzenverbänden der Krankenkassen. Und die streiten nun endlos über Grundsatzfragen - etwa darüber, wie der medizinische Fortschritt finanziert werden soll. Die Kassen drängen auf Mitwirkung bei Leitlinien und evidenzbasierter Medizin

Ärztefunktionäre bestreiten dagegen Qualitätsmängel in der Versorgung - sie wollen noch mehr Geld ins Gesundheitswesen pumpen.

Die Durchforstung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung geht unterdessen nur schleppend voran. Dabei sind Sparreserven seit langem ausgemacht: unwirksame Arzneien, überteuerte Labortests und weitaus zu oft vorgenommene medizinische Eingriffe