Die Kenner der Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten und ihres Dahinschwindens, die biologischen Systematiker, sind selbst ein Fall für die Rote Liste. Martina Keller (ZEIT Nr. 22/98) hat auf diese Entwicklung aufmerksam gemacht. Ein Instrumentarium modernster Methoden erlaubt heute besser denn je, Hypothesen der biologischen Verwandtschaftsforschung zu untermauern oder zu widerlegen. Es tut sich eine immer breitere Kluft zwischen zwei Forschungsansätzen auf, die jedoch nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich gegenseitig stimulieren können.

Der Laborbiologe studiert mit hohem apparativem Aufwand Fragen nach der Verwandtschaftsstruktur ausgewählter Organismengruppen. Oft begegnet

er seinen Forschungsobjekten überhaupt nicht mehr in ihrer natürlichen Umwelt oder bekommt sie nur noch als Gewebeproben zu Gesicht. Der Feldforscher und klassische Systematiker, der das Arteninventar bedrohter Lebensräume zu ermitteln hat, katalogisiert und beschreibt Fauna und Flora in ihrer Vielfalt. Wollte er bei seiner Übersichtsarbeit die Methoden der modernen Molekularbiologie nutzen, käme dies dem Versuch gleich, den Ozean mit einem Teelöffel leer zu schöpfen.

Leider konstruiert Frau Keller aus den beiden Ansätzen eine Art Generationenkonflikt. Der klassische Systematiker und seine Forschungsobjekte werden mit Wörtern wie "blasses Pflänzchen", "Buchhalterqualitäten" oder "weltabgewandt" charakterisiert. Ihm steht ein "moderner Wissenschaftsmanager" gegenüber, "der im Fernsehen auftritt, zu Kongressen um die Welt jettet und obendrein bei Sponsoren Fördermittel lockerzumachen versteht". Dieser Pfad einer unsachlichen Wertung ist zunächst von Vertretern der molekularen Biologie eingeschlagen worden - alsbald gefolgt von komplexbeladenen Systematikern, die wohl meinten, unter Anwendung spektakulärer Methoden aus ihrem vermeintlichen Aschenputteldasein ausbrechen zu können. Die für die Karriere wenig förderliche, von den High-Tech-Kollegen geringgeschätzte Alltagsarbeit der Systematik könne man, so die Meinung, "pensionierten Oberlehrern überlassen" (ein deutscher Systematikdozent, Originalton).

So weitgehend, wie sich die Universität aus der Systematik zurückgezogen hat, lastet das Gewicht dieses Wissenschaftszweiges nun auf seinen beiden verbleibenden Pfeilern: den naturhistorischen Museen sowie den engagierten Amateuren, die Systematik zwar nicht als Beruf, aber oft nicht minder professionell betreiben.

Mit ihren kontinuierlich gepflegten und ergänzten Sammlungen sind die naturhistorischen Museen seit dem 18. Jahrhundert das Herz der systematischen Forschung. Ihre Sammlungen, die Beweisstücke der Biodiversität, spiegeln das Anwachsen unserer Kenntnis von der Artenvielfalt und die gesellschaftliche Wertschätzung für dieses Wissen über die Jahrhunderte wider.

Drastische Sparmaßnahmen, die allen ökologischen Sonntagsreden der politisch Verantwortlichen hohnsprechen, beschleunigen neuerdings den Verfall wertvoller Bestände und sorgen immer häufiger dafür, daß wichtige Objekte der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind. Wären Kunstmuseen von solchen Zuständen betroffen, es würde ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit gehen.