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Der Airbus des Kanzlers war auf dem Rückflug von Moskau nach Bonn.

Aufmerksam verfolgte Joachim Bitterlich, wie Helmut Kohl den Journalisten von seinem Dreiertreffen mit Boris Jelzin und Jacques Chirac erzählte. Immer wieder hielt der Bundeskanzler inne und blickte fragend zu Bitterlich. Der nickte fast unmerklich, raunte eine fehlende Zahl, nannte einen vergessenen Namen. Erst danach sprach Kohl weiter.

Die Szene von Ende März ist typisch: der Kanzler als außenpolitischer Akteur, Bitterlich als Souffleur, mitunter als Regisseur. Ob in Bonn, Paris oder Washington - wenn es kompliziert wird, hat Kohl stets denselben Reflex. "Wo ist denn der Bitterlich?" ruft er und muß nicht lange warten. Auf Auslandsreisen gehört Kohls Berater für Außen- und Europapolitik fast immer zur Delegation. Und in der zweiten Etage des Kanzleramts trennen ihn wenige Schritte vom Büro des Chefs.

Bitterlich gehört zu den wenigen, denen der im Alter mißtrauisch gewordene Kanzler noch vertraut. Damit wurde der fünfzigjährige Verwaltungsjurist zu einer Schlüsselfigur im System Kohl. Was der Berater sagt, gilt als die Meinung des Meisters. Ausländische Parlamentarier und Minister pilgern darum in das Büro des Ministerialdirektors, um die Gedanken des Kanzlers zu erkunden. Wenn Bitterlich reist, dann meist als persönlicher Beauftragter Kohls. "Er ist der mächtigste politische Beamte in Bonn", sagt ein hochrangiger Kollege. Längst ist er ein Nebenaußenminister geworden.

Deutschlands Europapolitik gestaltet er entscheidend mit. "Ohne Bitterlich gäbe es den großen Europäer Helmut Kohl nicht", befindet ein Kenner des Kanzleramts.

So viel Einfluß beeindruckt - und macht angst. Kaum ein Außenpolitiker in Bonn oder im Ausland, der zu Bitterlich keine Meinung hat

kaum einer, der nicht Bewunderung oder Neid eingesteht, Kritik übt und mitunter unverhohlenen Haß ausdrückt - all das anonym, versteht sich. Niemand mag es sich mit Kohls Alter ego verderben. Im Gespräch mit der ZEIT gibt sich Bitterlich, der mit seinem leicht angegrauten blonden Kurzhaar und dem kantigen Kopf ein bißchen an Steve McQueen erinnert, freundlich und bescheiden. "Natürlich fließt mein Rat auch in Entscheidungen ein. Von daher kann man von Einfluß sprechen. Aber ich vergesse nie, daß dieser Einfluß und meine Handlungsmöglichkeiten nur geliehen sind", sagt er.

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Bitterlich ist zum Wächter geworden, der den Zugang zum Kanzler kontrolliert.

Hochrangige Diplomaten klagen, daß sie nur dem Berater berichten dürfen und nicht dem Chef persönlich. Selbst Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac oder Italiens Ministerpräsident Romano Prodi werden mitunter mit Bitterlich verbunden. Der Ratgeber für Außenpolitik hat sich unentbehrlich gemacht. Nur er verfügt über alle Informationen. Nur er kann herausfiltern, was der Kanzler wissen soll - und so macht er selber Politik.

Die sogenannte Kanzlermappe ist dafür das beste Beispiel. Bitterlich stellt sie jedesmal zusammen, bevor Kohl zu einem Europagipfel reist. Seine dreißig Mitarbeiter werten Tausende Seiten Akten des Auswärtigen Amtes und des Finanzministeriums aus. Daraus macht Bitterlich einen Leitfaden im Telegrammstil, nicht länger als zehn Seiten. Das Drehbuch für den Kanzler enthält präzise Regieanweisungen - etwa Gesprächsleitfäden mit Argumenten und Gegenargumenten.

"Manche nennen meine Funktion und mich einen Strippenzieher", sagt Bitterlich selbstironisch. Seine Aufgabe sei es, im Hintergrund geräuschlos Entscheidungen vorzubereiten und Ursachen für Streit und Pannen zu beseitigen, die außen- und europapolitische Auftritte des Kanzlers belasten könnten. Im Auftrag Kohls soll Bitterlich Europas Integration vorantreiben und eine Isolierung Deutschlands um jeden Preis vermeiden. Der frankophone Beamte dämpfte zur Zeit der Vereinigung immer wieder Frankreichs Ängste vor deutscher Dominanz, spricht mit Bill Clintons Mitarbeitern über den Balkankrieg, hält mit der Umgebung von Boris Jelzin Kontakt oder beruhigte die Italiener, wenn sie um ihre Teilnahme am Euro bangten. In seinem Job braucht man ein weltweites Netz von vertraulichen Kontakten - und das hat Bitterlich.

Hinter seinem Schreibtisch steht in Griffweite das Absolventenbuch von Frankreichs elitärer Verwaltungshochschule ENA. Dort saß Bitterlich Mitte der siebziger Jahre in Seminaren neben Frankreichs heutigem Außenminister Hubert Védrine, der ihn seither "meinen Freund" nennt. Auch sonst liest sich Bitterlichs Adreßbuch wie das Who's Who der Diplomatie: Wiktor Tschernomyrdin, Nato-Generalsekretär Javier Solana, US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke, in dessen New Yorker Wohnung er mitunter nächtigt, oder Bill Clintons Sicherheitsberater Sandy Berger, mit dem er bei Besuchen in Washington tafelt. Selbst in Sarajevo und Belgrad hat er sich diskret Kontakte aufgebaut, die er aktiviert, wenn über offizielle Kanäle nichts mehr geht.

Als der Kanzler Bitterlich 1987 aus dem Büro von Außenminister Hans-Dietrich Genscher abwarb, eilte ihm der Ruf voraus, beim Thema Europa versiert zu sein. Daß der neue Leiter des Europareferats auch CDU-Mitglied war, mag auch ein Grund dafür gewesen sein. Entscheidend war jedoch, daß der frühere Mitarbeiter der deutschen EG-Vertretung in Brüssel sich immer meldete, wenn das Wort Europa fiel, und sich so ein Wissen erarbeitete, mit dem in Bonn niemand konkurrieren kann. Bitterlich, der 1993 zum Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen avancierte, spielt heute unter seinen europäischen Beraterkollegen die Rolle des Elder statesman. "Er ist oft der einzige, der Kompromisse finden kann, weil er lange genug dabei ist, um die Interessen aller EU-Mitglieder zu verstehen und alle Kollegen persönlich zu kennen", sagt ein Europakenner.

Bitterlichs Biographie paßt zur Aufgabe. Der gebürtige Saarbrücker ist mit einer Französin verheiratet. Seine drei Kinder leben in Luxemburg, Oxford und Paris. Zudem stimmt die Chemie zwischen Kohl und Bitterlich. Der Chef schätzt die knappe und präzise Art des Beraters. Hinzu kommt dessen Kondition. Der Workaholic, der seine 80-Stunden-Wochen mit Hilfe von Zigaretten (Marke West), Kaffee und Mineralwasser durchhält, ist für den Nachtmenschen Kohl jederzeit ansprechbar. Die Zeit um 1989, als Bitterlich manchmal als einziger bei den schwierigen Gesprächen zwischen Kohl und François Mitterrand über die deutsche Einheit dabei war, hat zwischen Kanzler und Berater eine Art persönliches Verhältnis geschaffen. Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich, daß Kohl ihn bei Wutausbrüchen anbrüllte, er solle "mit einem Stein um den Hals in den Rhein springen". Später entschuldigte er sich für die groben Worte.

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Seine herausragende Stellung, meinen Bekannte Bitterlichs in Bonn und im Ausland, sei ihm allmählich zu Kopf gestiegen. Sein Verhältnis zu prominenten CDU-Außenpolitikern wie Wolfgang Schäuble, Rudolf Seiters und Karl Lamers ist zerrüttet, weil der Beamte gewählten Volksvertretern immer wieder gleichsam Vorschriften machen wollte. So versuchte Bitterlich im Juli, ein Papier der CDU/CSU-Fraktion zu EU-Osterweiterung und Freizügigkeit mit dem Hinweis zu verhindern, Kanzleramtsminister Friedrich Bohl wünsche die Veröffentlichung nicht. Später stellte sich heraus, daß Bohl sich erst auf Bitterlichs Drängen entsprechend geäußert hatte.

Außenpolitiker von Union und Opposition werfen dem Berater vor, den Kampf des Kanzleramts mit dem Auswärtigen Amt (AA) um die Führung bei der Außenpolitik zu schüren und damit deutschen Interessen und Deutschlands Ansehen zu schaden. Folge davon seien handwerkliche Fehler, da das Wissen des AA oft nicht genutzt und der Kanzler mitunter schlecht beraten werde, heißt es in der CDU. Ein Beispiel: Man hätte Kohl unbedingt ausreden müssen, in China als erster Staatsmann des Westens seit dem Militärmassaker vom Platz des Himmlischen Friedens ausgerechnet Armee-Einheiten zu besuchen.

Selbst in Europafragen scheint der "Strippenzieher" in jüngerer Zeit über selbstgespannte Stränge zu straucheln. So meinen Beteiligte, daß Bitterlich durch schlechte Koordination im Vorfeld den mißratenen Euro-Gipfel im Mai mitverschuldet hat. Damals gab es ein häßliches Geschacher um den ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Ein zweiter Lapsus unterlief ihm, als er im Juni einen Brief zu Europa von Kohl und Chirac an Kinkel vorbei einem EU-Außenministerrat vorlegte und damit den ahnungslosen Kinkel vor seinen Kollegen demütigte. Noch heute herrscht in Bonn Verwunderung darüber, daß der Außenminister nicht Bitterlichs Kopf gefordert hat.

Kohl bewies Nibelungentreue. Ein Grund dafür dürfte gewesen sein, daß der Europafachmann jetzt erst recht gebraucht wird. Deutschland übernimmt zum 1.

Januar 1999 die EU-Präsidentschaft und kann da auf den Topspezialisten nicht verzichten. Manche in der Union halten es gar für möglich, daß selbst ein Bundeskanzler Gerhard Schröder Bitterlich zumindest bis zum Ende der Präsidentschaft halten könnte. Ein prominenter SPD-Außenpolitiker meint dazu: "Ungewöhnlich, aber nicht ausgeschlossen."