Verhaßt, verschmäht, verspottet - Schwarzseher fristen ein trostloses Dasein.

Erst nimmt man ihnen ihre trüben Weissagungen übel, weil sie damit den anderen die Freude am Dasein vergällen. Und wenn die Prophezeiungen dann eintreffen, ziehen sie erst recht den Zorn auf sich. Nicht selten wird ihnen sogar vorgeworfen, schuld an dem Unheil zu sein, das sie vorausgesehen haben.

Noch nicht allzu lange ist es her, da mußten Hellseher auf den Scheiterhaufen, wenn sie schwarzsahen. Man hoffte, so das drohende Unheil abwenden zu können.

Das war nicht dumm gedacht. Schließlich scheint es häufig, als könnten Pessimisten einen Schlamassel regelrecht herbeireden. Weil sie mit ihren dunklen Gedanken den anderen die Hoffnung nehmen, weil sie den Lebensmut einfrieren lassen. Und weil sie eine Stimmung schaffen, in der keiner mehr investieren will. Wer kauft schon Aktien, wenn bald alles zusammenbricht? Die Weltwirtschaft genauso wie das Rentensystem?

Auch in jüngster Zeit haben die Pessimisten fortwährend den Spaß am Börsenprofit verdorben. Die Aktien stünden viel zu hoch, sagten sie. Ein kräftiger Kursrutsch, stärker noch als 1987, sei unausweichlich. Solche Analysen, so scheint es, haben den jetzigen Einbruch an den Börsen geradezu provoziert. Vielleicht wollten die Anleger nur schnell verkaufen, um ihre Gewinne zu retten, und haben so selbst den vorausgesagten Crash ausgelöst.

Gehören Pessimisten also auf den Scheiterhaufen? Nur auf den ersten Blick. In Wirklichkeit sind sie ein Segen. Die Börse braucht trübe Gedanken. Das sorgt für die notwendige Vorsicht. Gefährlich wird es erst, wenn die Pessimisten verstummen. Solange sie wieder unken und miesmachen, ist die Börse vor Übertreibungen gefeit. Davon profitieren alle. Bis auf die Pessimisten freilich. Während Optimisten dank ihrer Schwarzmalerei die schönsten Gewinne kassieren, sind Pessimisten dazu verdammt, an sich und der Welt zu verzweifeln. Ihr einziger Trost: Viele, wenn nicht alle großen Geister waren ebenfalls Pessimisten. Von Schopenhauer über Baudelaire und Kafka bis hin zu Woody Allen.