Warum eigentlich nicht? Das wäre doch ein leichtes, die paar verbliebenen Steine und Skulpturen des Berliner Stadtschlosses zusammenzutragen. Und viel mehr als ein paar pfiffige Programmierer und Investoren und ungefähr 1,2 Milliarden Mark brauchte es gar nicht, und noch vor dem Jahr 2010 könnte die alte Preußenresidenz wieder glänzen. Schöner denn je. Denn natürlich wäre es nicht das alte Schloß, das 1950 von Ulbricht weggesprengt worden war. Doch macht das was? Selbst die Befürworter des Wiederaufbaus fordern nur ein paar photogene Fassaden, ihnen reicht der Anmutszauber der Geschichte. Warum also nicht? Aus einem schlichten Grund: Es wäre Kapitulation.

Vor der Vergangenheit hat Berlin ja bereits gekniffen und die Niederlage in der vorigen Woche auch eingeräumt - nachdem über das Holocaust-Mahnmal wieder nicht entschieden wurde, gilt das Projekt als gescheitert. Statt dessen aber lebt das Schloß. Sogar Michael Naumann, der SPD-Kulturminister im Schattenkabinett Gerhard Schröders, spricht sich für eine Rekonstruktion aus - und damit für eine zweite Kapitulation, diesmal vor der Gegenwart.

Warum stachelt er die Architekten und Stadtplaner nicht an, eigene und im Heute stehende Ideen zu entwickeln? Warum sieht er die gewaltige Brache im Herzen Berlins nicht als Chance, der Berliner Republik ein paar neue, vielleicht überraschend andere Gesichtszüge zu verleihen? Warum packt er die Zeitgenossen nicht bei all ihrem Mut und setzt ein Zeichen dafür, daß wir uns etwas Eigenes zutrauen?

Wer das Schloß baut, der läßt die Nostalgie siegen - dazu gehört nicht viel.

Eine Herausforderung wäre es hingegen, statt auf das Phantasma jetzt auf Phantasie zu setzen. Vielleicht käme bei einem solchen Gedankenwettspiel ja heraus, daß im Moment niemand ein weiteres Gebäudemonstrum braucht und auch eine stadträumliche Leere gar nicht so übel wäre, wenn nur die neue Idee überzeugt. Warum zum Beispiel soll der Platz nicht Platz bleiben? Ein Ort, an dem sich das Volk der neuen Republik versammeln könnte, um so machtvoll der Macht entgegenzutreten wie einst im Bonner Hofgarten. Einen besseren Platz für die Demonstrationen der 500 000, ein gewagteres Wahrzeichen für die wiedervereinte Nation ließe sich kaum denken. Es wäre ein lebendiges Denkmal der Demokratie. Natürlich brauchte auch dieser "Berliner Hofgarten" eine neue Gestalt, einen architektonischen Rahmen. Über den sollten wir streiten. Nicht über das Schloß.