Gustav Bekker, pensionierter Arzt aus dem brandenburgischen Elsterwerda, ist von morgens bis abends beschäftigt: Beim Steinmetz in Polen sind die Arbeiten für die Inschrift am Gedenkstein zu überprüfen, mit dem Busunternehmen in Deutschland ist der Preis für die Reise von Hildesheim über Cottbus nach Bromberg/Bydgoszcz auszuhandeln, die Liste der deutschen und polnischen Ehrengäste will mit dem polnischen Partner abgestimmt sein, und die Ansprache, die Gustav Bekker auf der Gedenkfeier halten will, muß ins Polnische übersetzt werden.

Dann sind noch die Einladungen an die deutschen und polnischen Journalisten zu verschicken, die Schleifen für die Kränze in Auftrag zu geben, Absprachen mit dem (deutschen) evangelischen Pastor und dem (polnischen) katholischen Geistlichen für den ökumenischen Gottesdienst zu treffen, und schließlich ist noch das Programm zu gestalten für die Gedenkfeier in Potulice am Samstag, dem 5. September - eine Gedenkfeier zu Ehren von 3500 Deutschen, die dort in den Jahren 1945 bis 1950 im Lager umgekommen sind.

Gustav Bekker ist selbst erstaunt über die Energie, mit der er seit nunmehr einem Jahr sein Ziel verfolgt. Als er Mitte der sechziger Jahre zum erstenmal nach dem Krieg in das zwanzig Kilometer westlich von Bromberg gelegene polnische Dorf zurückkehrte, hatte es ihn dort keine fünf Minuten gehalten.

Nicht nur, weil mit den Gefängnismauern die bedrängenden Bilder aus den Nachkriegsjahren wiederauftauchten, in denen er selbst hier hinter Stacheldrahtzäunen gesessen hatte. Mehr noch hatte ihn geschmerzt, daß eine Gedenktafel nur an die polnischen Opfer dieses Lagers aus nationalsozialistischer Zeit erinnerte.

Doktor Gustav Bekker, der bewußt die polnische Schreibweise seines Namens mit dem doppelten k beibehalten hat, wollte nichts von den NS-Verbrechen abstreiten, nichts aufrechnen. Doch er spürte eine zornige Ohnmacht, den Geschmack der Kränkung. Warum gedachte niemand der Deutschen, die in demselben Lager umgekommen waren - nach dem Krieg unter polnischer Leitung?

Warum respektierte niemand auch seinen Schmerz und den der Mutter, die Schmerzen von Menschen, die Ende 1949, obwohl seit Generationen an der Weichsel beheimatet, in die sowjetisch besetzte Zone abgeschoben worden waren?

Fast dreißig Jahre hat Gustav Bekker den nagenden Kummer aus seinem Bewußtsein verdrängt. Angesichts der allmächtigen Zensur hätte sein Wunsch nach Aufdeckung der ganzen Wahrheit kaum etwas bewirken können. Erst Mitte der neunziger Jahre, als ihn kein politisches System und keine berufliche Verpflichtung mehr einengten, zog es ihn wieder nach Potulice. Er sah den gepflegten Ehrenfriedhof, der inzwischen am Dorfrand für die 1291 Opfer aus der NS-Zeit entstanden war. Er las die Namen und die Todesdaten und spürte, je mehr er sich einließ, wie sehr das Schicksal der polnischen Opfer dem der deutschen ähnelte. Auch in der NS-Zeit hatten im Umsiedlungs- und Arbeitslager Potulitz Zivilisten gesessen, Bauernfamilien aus der Umgebung, Frauen, sehr viele Kinder und Alte. Auch damals waren die Menschen an Hunger, Mißhandlungen und Epidemien krepiert. Und so, wie sie während der nationalsozialistischen Besatzung allein wegen ihrer Zugehörigkeit zur polnischen Nationalität ins Lager eingewiesen worden waren, hatte nach dem Krieg die Zugehörigkeit zur deutschen gelangt. Pauschal war die deutsche Minderheit - Deutsche, die bis 1939 polnische Staatsbürger waren - für die Verbrechen des NS-Regimes mit Enteignung, Internierung und Zwangsarbeit zur Verantwortung gezogen worden. Gebührte nicht auch diesen Opfern ein ehrendes Gedenken?