Was schert mich mein Geschwätz von gestern", lautet ein oft zitierter Ausspruch Konrad Adenauers. Seither gehört die Entschlossenheit, sich von gestern Gesagtem nicht allzu sehr beeinträchtigen zu lassen, zum Standardrepertoire des milden Bonner Machiavellismus. Man wird Gerhard Schröder nicht zu nahe treten, wenn man unterstellt, auch er könne Adenauers Maxime etwas abgewinnen. Manchmal kommt es einem sogar vor, als habe die SPD ihre gesamte Wahlkampagne vorsorglich unter das Adenauersche Motto gestellt.

Das steigert zumindest die Spannung auf das, was wirklich passiert nach einem Wahlsieg der SPD. In einer Erlebnisgesellschaft wie der Bundesrepublik könnte der kalkulierte Überraschungseffekt - neben dem unbestreitbaren Charme des Bewerbers - leicht als zusätzliches Wahlargument wirken. Und daß es Gerhard Schröder hinterher allzu schwer fiele, sich dem einen oder anderen Widerspruch zwischen Ankündigung und Wirklichkeit zu entwinden, ist unwahrscheinlich. Nur eleganter wird es klingen als seinerzeit bei Adenauer.

Manche in Bonn wären schon froh, müßten sie heute Gesagtes erst morgen dementieren. Peter Hintze zum Beispiel wirkt mittlerweile eher so, als wolle er seine Botschaften, noch während er sie verkündet, gegen jeden Verdacht der Glaubwürdigkeit immunisieren. Oder versucht der Generalsekretär der CDU nur noch sich selbst zu immunisieren gegen den Unsinn, den vorzutragen ihm von höherer Stelle aufgegeben ist? Wie er nach dem Interviewchaos zwischen Kanzler und Kronprinz - Kohl mit schwarzgrünen Anwandlungen, Schäuble mit Kanzlerambitionen - vor die versammelte Presse tritt und erklärt, "bei uns geht es sehr schön aufwärts", das hat schon ganz eigene Klasse. Die Journalisten lachen, Hintze schmunzelt und berichtet von der "schönen Aufwärtsentwicklung", die seine Partei derzeit auch in den neuen Ländern erleben darf. Liegt das etwa schon an dem "Nachvornekommen der Außenpolitik" im Wahlkampf? Ja, die Außenpolitik: "Das sind ernste Fragen, die die ganze Welt betreffen", weiß Peter Hintze und beruhigt auf seine unnachahmliche Art das irritierte Wahlvolk. "Der Kanzler arbeitet täglich daran, diese Probleme zu lösen." Das könnte vielleicht die Trendwende bringen.

Eine gewisse Trendwende ist auch in der Wahlkampfstrategie der FDP zu erkennen. Bei den Liberalen ist Guido Westerwelle dafür zuständig, früher Behauptetes wieder einzufangen. Erst war Kohl der Garant für den Wahlsieg und Schäuble der heimliche Betreiber einer Großen Koalition. Jetzt würde die FDP gerne die Doppelspitze ausrufen. Oder die Wandlung der FDP zur Identitätspartei, die "um ihrer selbst willen gewählt wird". Heute aber dreht sich bei den Liberalen, wie eh und je, alles um die Zweitstimme der CDU-Anhänger. Und wie oft hat Guido Westerwelle in den vergangenen Monaten beteuert, die FDP werde keinen Lagerwahlkampf betreiben? Plötzlich heißt die Parole: "Liberal statt Rot plus Grün plus PDS".

Wendigkeit, wohin man blickt. Nur einer bleibt sich treu: der Kanzler. Wie in jeder Pressekonferenz der vergangenen Monate hat er gerade wieder den wirklichen Start des Wahlkampfes ausgerufen. "Die eigentliche Wahlkampfentscheidungszeit hat jetzt begonnen", erklärt der Kanzler. Und vor ihm flattert ein großer, schwarzer Schmetterling im Konferenzsaal des Adenauer-Hauses. Wenn das kein gutes Omen ist.