Marguerite Duras hielt nichts von Büchern über Schriftsteller, schon gar nichts von einer Duras-Biographie. Als die Journalistin Laure Adler ihr trotzdem ein solches Projekt antrug, da zuckte die Duras mit den Schultern, sagte, alles Wichtige stehe doch in ihren Romanen, und bot Laure Adler einen Kaffee an. Dann redeten sie über etwas anderes.

Aber Laure Adler, eine sehr versierte französische Journalistin, ließ nicht locker: Die Duras-Biographie erschien soeben in Paris (bei Gallimard) und bekam schon viel Lob. Aufgrund bisher unerschlossener Quellen und vieler Interviews hat Laure Adler die zweifellos umfangreichste (627 Seiten) und genaueste Biographie bisher über die 1996 verstorbene Autorin geschrieben.

Marguerite Duras hat zwar recht: Das Wichtigste steht allein in ihren Büchern. Laure Adler hütet sich, an der Wahrheit der Dichtung herumzudeuteln.

Aber spätestens seit dem so erfolgreichen "Liebhaber" las man die Bücher der Duras als Autobiographien. Ein Mißverständnis, das die Autorin sorgfältig kultivierte: In einem berühmten Fernsehauftritt nach dem Erscheinen des Bestsellers schwor sie, die ganze Geschichte sei so und nicht anders geschehen.

Das war gelogen. Marguerite Duras sei eine Spezialistin für "ungenaue Geständnisse", sagt die Biographin. Sie hat zum Beispiel entdeckt, daß der angeblich schöne Liebhaber von Pockennarben entstellt war. "Pech für die kleinen Mädchen und die sensiblen Gemüter (wie mich), die über die sinnliche Schönheit des Liebhabers phantasiert haben, über seine Haut wie Regen, seine erfahrenen Hände, seinen perfekten Körper. Der Liebhaber war häßlich und schlecht gebaut." Dank einem frühen Tagebuch, das Laure Adler im Nachlaß von Duras fand, weiß man jetzt auch, daß Duras' Mutter ihre damals sechzehnjährige Tochter zu der Liaison mit dem reichen Verehrer drängte, damit das Kind Geld nach Hause brachte.

Marguerite Duras hat über vieles schamlos geschrieben. Aber sie hat auch vieles verschwiegen. Zum Beispiel, daß ihr erstes Buch eine flammende Verteidigung der französischen Kolonialpolitik war, geschrieben 1940 im Auftrag des Kolonialministeriums. Oder daß sie unter deutscher Besatzung eine entscheidende Rolle in der für die Papierzuteilung zuständigen Kommission hatte, die eine subtile Form der Zensur ausübte. "Kollaborateurin oder nicht?" Laure Adler hütet sich vor schnellen Verurteilungen. Viele standen anfangs auf der falschen Seite, Marguerite Duras ebenso wie ihr Gefährte in der Résistance, der verstorbene Staatspräsident François Mitterrand. Auch ihn kannte Laure Adler gut: "Diese beiden Stars haben ständig andere und sich belogen. Wie zwei Clowns bei Fellini. Am Ende ihres Lebens imitierten sie nur noch sich selbst."

Eine andere Episode war bereits Gegenstand von Vorabdrucken in französischen Zeitungen: Seit 1943 gehörten Marguerite Duras und ihr Mann, der Schriftsteller Robert Antelme, der Widerstandsgruppe von Mitterrand an. Als Antelme 1944 von der Gestapo verhaftet wurde, bemühte sich Duras um Verbindung zu dem Gefangenen. Dabei begegnete sie dem Mann, der Antelme festgenommen hatte: Charles Delval. Hatte Duras ein Verhältnis mit Delval?