Zum Kehraus spielte Salzburg noch einmal seine Trümpfe dieser Saison aus.

Großes Finale in allen Festspielhäusern. In "Don Carlo" wanderte Karl der Fünfte ein letztes Mal von der Opernbühne, ein habsburgisches Gespenst im Kaiserornat, aber so lebendig wie nur irgendeine Verdi-Figur. In der seraphischen Glut der Chöre Messiaens starb der heilige Franz von Assisi seinen letzten verklärten Tod in der Felsenreitschule. Im Landestheater umgab sich Elfriede Jelinek, die Dichterin zu Gast, noch einmal mit Dichtern ihrer Wahl, mit solchen, "die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selber fremd". Und aus dem Off des Stadtkinosaals spuckte das Schandmaul Thersites, in "Troilus und Cressida", dem Trojanischen Krieg seinen letzten Fluch hinterdrein: "Der Schuppengrind auf die ganze Bagage, von mir aus sollen sie alle an Krieg und Geilheit krepieren!"

Dann aber ist Kassensturz. Und wieder einmal haben die Salzburger Festspiele, die weltweit bestdotierten (mit einem Budget von neunzig Millionen Mark) mit den höchsten Eintrittspreisen, geleistet, was sie sollen und müssen: Sie haben ihre Kosten zu drei Vierteln wieder eingespielt. Mehr als 200 000 Karten für 185 Vorstellungen haben sie verkauft, wenn auch nicht restlos. Der Medien-Appeal dauert fort, das Besucherprestige ist ungebrochen, zu diesem Hochaltar der Hochkultur wird weiterhin gepilgert. Steht daher alles zum besten an der Salzach? Ist sie unangefochten auf der Höhe der Zeit, die Salzburger Einzigartigkeit?

Gérard Mortier zieht die Bilanz seiner siebten Saison als Festspielintendant - unerschrocken, aber nüchtern. Er kennt inzwischen alle seine Pappenheimer: Sein Publikum, seine Künstler, die salzburgischen und die philharmonischen Krämerseelen, seine Gönner weltweit und seine Mißgönner in Wien, und er weiß, was in Salzburg geht und was nicht. Gerade nach einer milde mißglückten Spielzeit - die Opernregisseure Peter Zadek ("Mahagonny") und Herbert Wernicke ("Don Carlo") uninspiriert, Christoph Marthalers "Katja Kabanova" der einzige Glücksfall, die Wiederaufnahmen ("Figaro", "Fidelio"), bis auf den überwältigenden "Saint François d'Assise", umstritten - gerade dann stellt sich ganz rasch die Legitimationsfrage. Trägt das Konzept? Hält der Markt? Rechtfertigt die Festspielidee noch den Anspruch auf Besonderheit?

"Wo alles globalisiert ist, kann kein einzelnes Institut heute noch seine Singularität behaupten", sagt Mortier. "Ich kann nicht verhindern, daß Marthaler oder Wernicke überall arbeiten. Ich kann keinen Künstler, keinen Regisseur oder Dirigenten exklusiv nach Salzburg holen. Weil ich alles, was ich produziere, wieder einspielen muß, bin ich gezwungen, Neuinszenierungen vorzufinanzieren, indem ich sie weiterverkaufe, etwa ,Katja Kabanova' nach Toulouse. Wie läßt sich bei diesem Zwang zur Koproduktion noch Singularität gewinnen? Nur durch die Kombination. Wenn ich nicht exklusiv produzieren kann, muß ich exklusiv kombinieren. Man braucht ein Gesamtangebot, in dem die eine Produktion die andere mitzieht. Deshalb ist das Festival in Baden-Baden gescheitert - kein Konzept, kein Gesamtangebot, reiner Starkult, schlechte Manager, totale Unkenntnis des Marktes, zu hohe Preise. Das kann nicht funktionieren."

Ist überhaupt noch Luft in Europa für weitere Festivals?

"Für jedes gute, ja. Aber nur, wenn jemand eine wunderbare Idee hat."