Beinahe Hopper: ein American Diner, weit entfernt, strahlend vor Sauberkeit, ein Mann an der Theke und ein anderer dahinter. Henry Burton, der aus dem Hotelfenster sieht, erkennt langsam Einzelheiten: eine Getränkedose und den weißen Kittel des waiter, die Leuchtreklame und vielleicht auch den Gast in Turnschuhen und Windjacke, behaglichlässig im Gespräch. Doch erst als wir ihm in einer langen Bewegung von oben in die Imbißbude folgen (Kamera: Michael Ballhaus), erkennen wir ihn auch. Stell dir vor, sagt der Mann zu Burton, nachdem er ihn und den Kellner miteinander bekannt gemacht hat, er arbeitet, seit er sechzehn ist, und kann noch nicht mal die Krankenversicherung bezahlen. Er ist, fügt er hinzu, als der Kellner im Hinterraum Kaffee kocht, ehrlich und fleißig, tut niemandem etwas zuleide, klagt nie - mein Gott, das ist Amerika! Das ist es, wofür wir arbeiten, daß Leute wie er es mal besser haben.

Es sprach der Präsident.

Na ja, noch nicht. Aber daß Jack Stanton, der hier sitzt und eine Apfeltasche verzehrt, einmal Präsident der Vereinigten Staaten sein wird, dafür arbeitet sein Wahlkampfhelfer Henry Burton (ernst, wie Franz Müntefering, nur zwanzig Jahre jünger, schwarz und exzellent gekleidet: Adrian Lester) hart, und daran will er auch glauben. Auch wenn es ihm furchtbar schwerfällt in Krisensitzungen wie eben, als er aus dem Fenster in den erleuchteten Diner starrte, während das ganze Team, die künftige First Lady eingeschlossen, einen weiteren Patzer Stantons besprach. Schon wieder eine Affäre, als wäre es nicht schon genug: Er hat sich vor Vietnam gedrückt, es gab dubiose Immobiliengeschäfte, und ständig tauchen neue Frauen auf, Tonbänder und Liebesgeflüster, eine noch ungeklärte Schwangerschaft ...

"Mit aller Macht" ist die ziemlich genaue Verfilmung des Romans "Primary Colors", der, 1996 anonym erschienen (und inzwischen als Werk des Newsweek-Kolumnisten Joe Klein identifiziert), Amerika sehr amüsierte. Das Buch wurde als ziemlich genaue Biographie des Ehepaars Clinton gelesen, und sein Erfolg beruhte - abgesehen von dem Nährwert, den Enthüllungen immer haben - vor allem darauf, daß es keine Enthüllung ist: Die Clintons werden genauso dargestellt, wie man sie sich immer vorgestellt hat.

Der Film folgt darin dem Buch und seinen besten Effekten. John Travolta spielt Jack Stanton als gerissen und naiv zugleich: ein Prototyp Amerikas, sentimental und idealistisch, vergeßlich und ewig jung. Seine Menschenfreude scheint echt, seine Schwächen nerven und rühren, aber entsetzen nicht, und seine Unfähigkeit zu Grübelei und Selbstkritik macht ihn zur angenehmsten Gesellschaft. Er ist der beste Bill Clinton, den wir je hatten: ein bißchen weich um die Mitte, mit einem geckenhaft rausgedrückten Hintern, der bei jedem Schritt leise "servus!" sagt, charismatisch und energiegeladen. Und sieht er nicht hinreißend glaubwürdig aus, wenn er den Mund, mit Zuckerkrümeln beklebt vom letzten Doughnut, voll nimmt mit großen Worten?

Einzig seine Gattin glaubt ihm nicht mehr. Emma Thompson spielt sie als eine Frau, die um keiner Affäre und Lüge willen mehr jenes große Ziel gefährden wird, für das sie angetreten ist: "Wir werden Geschichte machen." Sie ist so perfekt wie der ganze Film, beherrscht bis ins Detail, hellwach und schnell.

Und doch ermüdet die Sache. Das ist nur zum kleinsten Teil dem Umstand geschuldet, daß die Posse Clinton-Lewinsky alles bisher Erdenkliche en gros und en detail überbietet. Es liegt vor allem daran, daß wir im Film nichts erfahren, was wir nicht vorher schon gewußt hätten: Politik als mediales Spektakel, Puritanismus und Voyeurismus als zwei Seiten desselben Dollars, auch dieses Präsidentenpaar kein engelsgleiches - nur vielleicht ein bißchen besser als die anderen, weil es die Macht noch als Mittel sieht. Den Weg dorthin illustriert der Film in mehr als 140 Minuten mit gewitzten Dialogen, exzellenten schauspielerischen Leistungen, vorhersehbaren Konflikten und dem bekannten Ergebnis. Die Historisierung der Gegenwart, die Regisseur Mike Nichols ("Die Reifeprüfung", "Catch 22") versucht, bleibt eigentümlich blaß, denn ihre Perspektive ist die der Gegenwart selbst. Und die ist über sich aufgeklärt. Es hilft nur nichts.