Wie immer wird das nicht von heute auf morgen gehen. Es wird Zeit verstreichen, bis wir unsere Benommenheit abgeschüttelt haben. Man läßt sich auch nicht gern nötigen, ein vertrautes Buch aufzuklappen und das Schlußkapitel zu revidieren. Doch wenn die mächtige Renaissance abgeschlossen sein wird, die uns derzeit ereilt und an die Grundfesten musikhistorischer Gerechtigkeit rührt - dann wird der letzte große Symphoniker der klassisch-romantischen Epoche nicht Gustav Mahler, sondern Ralph Vaughan Williams heißen. Das ist so sicher wie der englische Nebel, aus dem die Symphonien des verkannten Genies jetzt wiederauftauchen. Die neue Aufnahme-Serie des London Philharmonic Orchestra unter Sir Roger Norrington kommt jedoch nicht schemenhaft, sondern gleichsam mit dem Euro-Shuttle zu uns - und klagt das Recht ein, mit offenen Ohren empfangen zu werden.

Wir können uns anschließend nicht mehr damit herausreden, es habe sich bei Vaughan Williams (1872-1958) um einen braven Eklektiker gehandelt, dessen Musik allenfalls auf die Tonspur opulenter Filmsequenzen dränge. Gewiß war dieser Charakterkopf kein Kind von Traurigkeit. Gewiß beschäftigte er sich mit den Möglichkeiten seiner medialen Gegenwart, nachdem er sich besessen in die ferne englische Vergangenheit gekniet oder den Kontrapunkt Bachs studiert hatte. Gewiß führt er seine Symphonien Nr. 4 f-moll (1935) und 6 e-moll (1948) nicht aufs Schafott der Tonalität. Doch spricht aus ihnen mehr als eine bloß begabte Stimme. Diese Musik (Decca 458 658-2) borgt sich das Leben nicht, sie stürzt sich hinein. Sie leugnet nicht ihre Zeit. Sie ist das Psychogramm zweier unmittelbar erlebter Kriege, ohne dies als Programm auszuweisen. Der Komponist selbst sprach von der "Schönheit, die aus unschönen Dingen erwachsen kann".

Norrington hütet sich, den beiden Symphonien die Fratzen eines Pandämoniums anzuschmieren. Er läßt der Musik ihre Lauterkeit. Die Gesinnung eines aufrechten Komponisten prallt von den stählernen Wänden des Blechs gleichwohl direkt ins Gehirn, die Streicher machen das Scherzo der Sechsten zum stürmischen Marsch-Gewitter, dessen höhnisches Saxophon-Solo vollends in die Magengrube fährt. Um so elementarer danach die unwirklich dämmernden, bestürzend sanften Schweigezonen des Epilogs.

Die Nazis hatten guten Grund, die wahrhaftige Glut dieser Musik zu fürchten, als sie 1939 ein Aufführungsverbot verhängten. Jetzt besteht die Pflicht, die Langzeitwirkung abzuschütteln.