Vom erlösenden Lachen reden wir gern, wenn uns in einer Spannungssituation ein Witz oder eine unfreiwillig komische Bemerkung in schallendes Gelächter ausbrechen läßt und sich eine aufgeladene Atmosphäre plötzlich entspannt. Der österreichisch-amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger nimmt das erlösende Moment des Lachens nun beim Wort und entwickelt aus ihm eine weitreichende Theologie des Komischen. Dabei folgt er auch Spuren, die schon für Helmut Thielicke oder jüngst für Franz-Josef Kuschel in Opposition gegen die orthodoxe Lachfeindschaft von Interesse waren.

Die Lage der Religion war kaum je so ernst wie heute. Immer mehr Menschen fallen von den christlichen Kirchen ab und wenden sich dubiosen Sekten oder obskuren Ersatzreligionen zu. Auch das Gespenst des islamischen Fundamentalismus geht um in Europa, und so hat der christliche Glaube buchstäblich nichts zu lachen. Und doch besinnen sich paradoxerweise die Theologen heute mehr denn je auf den homo ridens, den lachenden Menschen, der vor alle weltlichen Absolutheits- und Totalitätsansprüche sein relativierendes Vorzeichen setzt und aus der Konkursmasse des homo faber komisches Kapital schlägt.

Doch nicht nur die streng dogmatischen Zeiten der Religion waren dem erlösenden Lachen feind. Gerade die rationalistisch verdünnte Theologie im Gefolge der Aufklärung hat ihm den Garaus gemacht. Überhaupt trachtete die Göttin der Vernunft danach, durch die Entzauberung der Welt das Komische genauso wie das Heilige von ihrem Thron zu stoßen. In dialektischer Umkehrung der rationalistischen Entzauberung beschwört Berger nun den Gegenzauber des Komischen. Mit vorbildlicher Klarheit verfolgt er die philosophischen, ästhetischen und psychologischen Theorien des Komischen und des Lachens von der Antike bis zur Gegenwart. Seine ganz besondere Liebe gehört dabei dem berühmten "Lob der Narrheit" des Erasmus von Rotterdam, in dem zum erstenmal ein umfassendes komisches und alternatives Weltbild entwickelt werde.

So querständig und manchmal bizarr wie die Gedankenwelt dieses Buches ist seine angelsächsisch-humoristische Form. Berger ist ein derart begnadeter Witzerzähler, daß er sogar befürchtet, die Aufnahmebereitschaft seiner Leser für Komik "nachgerade erschöpft" zu haben. Ihren virtuosen Höhepunkt erreicht die Verquickung von Witzerzählung und -auslegung in dem Kapitel über den jüdischen Witz. Damit nicht genug. Man muß sich auch vor so mancher Eulenspiegelei des Verfassers hüten, zum Beispiel, wenn Berger seine feministische Widersacherin Dorothy Hartmund zitiert. Hartmunds Polemik gegen ihn, den Soziologen, ist mit Sicherheit dessen eigene Erfindung.

Doch im Ernst: Lachen wird stets durch die Erfahrung einer Inkongruenz, eines "Risses im Material der Wirklichkeit" (Berger) ausgelöst. Das Komische ist etwas, das unerwartet-plötzlich die Alltagserfahrung mit ihren "geschlossenen Sinnbereichen" (finite provinces of meaning) durchkreuzt. Wir lachen vor allem, wenn die Körperlichkeit einer Person ihre geistigen oder gesellschaftlichen Ansprüche konterkariert. Die komische Ursituation ist bekanntlich die des Philosophen Thales, der bei der Betrachtung des Sternenzelts in einen Brunnen fällt. Komik entsteht auch, so wußte Cicero, wenn wir etwas Bestimmtes erwarten und etwas anderes eintritt. Genauso wie der Traum, das ästhetische Erleben oder auch die Sexualität setzt das Komische der dominanten Realität eine andere Logik entgegen. Das zeigt sich vor allem in seiner unablösbaren Verbindung mit dem Geschlechtstrieb. Schon Goethe bemerkte gegenüber Wieland: "Die ursprüngliche einzige vis comica liegt in den Obszönitäten und Anspielungen auf Geschlechtsverhältnisse".

Das Komische ist ein plötzlicher Eindringling in die herrschende Realitätserfahrung, das Erlebnis eines "ganz anderen" - wie das Heilige. "Die beiden haben vieles gemeinsam, weshalb Heilige und Narren oft auf unbehagliche Weise einander ähnlich sind" (Berger). Von der "Torheit des Kreuzes" hat Paulus im ersten Korintherbrief gesprochen. Wir seien "Narren um Christi willen", der sich selber - durch seine Selbsterniedrigung zum Menschen - in den Augen der Welt zum Narren machte. Die Erfahrung des Komischen wie des Religiösen "transzendiert" die menschliche Tragik, "erlöst" von der Welt des Schmerzes, des Todes und der unerbittlichen Faktizität des Daseins. Seit Henri Bergson gilt das Schachtelmännchen als Archetyp komischer, Schmerz und Tod überschreitender Erfahrung: Je tiefer man es drückt, desto höher springt es wieder hinauf. So wird das Schachtelmännchen für Berger zur Rücknahme des menschlichen Falles und zum Symbol der Auferstehung. Christus, so Berger, sei der erste, der aus seiner Todesschachtel wiederauferstand - und dies sei der Grund für unsere eigene Hoffnung, "wieder aufstehen zu dürfen, wenn wir (auf der Bananenschale des Lebens) hingefallen sind". Ähnlich deutet Berger das komische Kuckuckspiel als "kosmisches Versteckspiel" des verschwindenden und wiederkehrenden Erlösers. Wer den "bitteren Wein des modernen Denkens" getrunken habe, werde die Botschaft vom Komischen als einem Signal der Transzendenz nicht hören wollen, aber für Berger sind Lachen und Komik wirklich "sichtbare Zeichen unsichtbarer Gnade", Sakramente für eine mehr denn je erlösungsbedürftige Menschheit. Ob man sich davon überzeugen läßt oder nicht - Berger hat das witzigste "fromme" Buch geschrieben, das auf dem Markt des Geistes ist. Es wird bald zu den Klassikern der Literatur über das Komische gehören.