Im Niemandsland

Ach, die Bonner Herren. Wann immer sie die Zeigefinger japsend vor Erregung gen Himmel recken und Generalsekretär Hintze, diese Nemesis der CDU - das Kinn verkantet, die Nase spitz, die Stimme tremolierend -, zum rhetorischen Finalschlag ansetzt, dann schmettert er uns allemal die Anklage entgegen, die Roten, die Grünen, all die unsicheren Kantonisten - sie wollten eine "andere Republik".

Das Gespenst ist aber längst leibhaftig ins Leben getreten - unter dem Applaus konservativer Glaubenskämpfer und ihrer publizistischen Fackelträger. Sie würden den Umzug des Bonner Staates in die alte Reichshauptstadt im kommenden Jahr am liebsten zum Anlaß nehmen, um lauthals, offiziell und feierlich ihre "andere", nämlich die "Berliner Republik" zu proklamieren, mit dem Pathos der Jahrhundert-, Jahrtausend-, der Zeitenwende.

Deutschland sei durch den Zusammenschluß mit Sachsen, Thüringen und den einst preußischen Ländereien "östlicher" und "protestantischer" geworden, sagten unsere Nachbarn. Es regte sich die Furcht, dieses gewandelte Deutschland könne am Ende versucht sein, seine Verankerung im rheinisch-katholischen Europa zu lösen.

Natürlich ist es nicht gleichgültig, daß Wittenberg und die Kernländer der lutherischen Reformation in die Welt heimgekehrt sind und wieder ihr Wort in den deutschen Dingen mitzureden vermögen. Das Problem ist nicht der Protestantismus, der europäische Elemente genug in sich trägt, die eine Integration mit den westlichen Partnern des Kontinents erlauben. Man hat zu rasch vergessen, daß der waffenlose Aufstand von 1989, der mit den Friedensgebeten und Kerzendemonstrationen begann, eine Revolution aus dem Geist des Protestantimus war: exakt zwei Jahrhunderte nach dem Sturm auf die Bastille. Ohne den Protestantismus hätte sich, das ist gewiß, die Aufklärung nicht denken und in die Wirklichkeit übersetzen lassen. Beide Bewegungen der geistigen und der politisch-sozialen Emanzipation waren tief ineinander verflochten, trotz der schließlichen Erstarrung des Luthertums in seiner konservativ-staatsfrommen Orthodoxie, die erst im Widerstand gegen die Diktaturen aufbrach.

Ostdeutschland aber blieb nach der Befreiung, ohne Mauer und ohne Zaun, eine "andere Republik": nicht kraft der lutherischen Prägung, sondern durch die Entchristlichung der Regionen jenseits der Elbe, die das kommunistische Regime in einem halben Jahrhundert der Verkarstung eben doch in eine religiöse und geistige Steppe verwandelt hat. Die wahre Crux (wenn das Wort erlaubt ist) der Ex-DDR ist die geistige Heimatlosigkeit ihrer Bürger, die sich in der Abwehr Europas und des Westens verkrampfen. Es ist ihre Verschanzung in einem ideologischen Niemandsland. Es ist das schwelende Ressentiment gegen die Demokratie, das aus dem Notstand der Massenarbeitslosigkeit (von 21 Prozent) genährt wird. Es ist bei vielen Jungen der Haß auf eine Zivilisation, die für sie keine Verwendung zu haben scheint und der sie überdies nicht gewachsen sind: ein stumpfer Haß, der außer Kontrolle gerät, wenn sie sich blind und taub gesoffen haben. In Brandenburg wurde er zur Ursache für fremdenfeindlich-rechtsradikale Gewalttaten, die um das Dreifache höher sind als in den westdeutschen Ländern, trotz eines verschwindend geringen Ausländeranteils an der Bevölkerung. In Sachsen-Anhalt manifestierte sich die Fremdenfeindlichkeit im Triumph der Deutschen Volks-Union. Zugleich verschanzte sich der antiwestliche Protest in den 20 Prozent Stimmen für die PDS, die Reinhart Höppner mit ressentimentgeladener Entschlossenheit zur stillen Partnerin seiner Regierung erhob.

Ohne die rostrote Nachfolgepartei der SED, die nahezu ein Viertel der Wählerschaft bindet, wäre der Stimmungsumschlag nach rechts womöglich noch dramatischer ausgefallen, als er es ohnehin war. Das macht die Erben des terroristischen Spießerstaates nicht sympathischer, aber es sollte Grund genug sein, sie vor den Fuchteleien des verspäteten Antikommunismus von Generalsekretär Hintze und seinen Kombattanten zu verschonen. Die Flucht in den Nationalismus der Enttäuschten ist, mit oder ohne PDS, längst Wirklichkeit. Nun tritt mit erschreckender Klarheit zutage, wie unbehelligt unter der Stahlglocke der "antifaschistischen (Ost-)Republik" die Hinterlassenschaft des Nazismus weiterbrüten konnte. Nahezu ein Drittel aller SED-Mitglieder in den Gründungsjahren hatte zuvor das Parteiabzeichen der NSDAP am Revers getragen, vom Anhang der Nationaldemokratischen Partei nicht zu reden, die von den Ingenieuren des "antifaschistischen" Blocks als Auffangstation für Nazis und Deutschnationale konstruiert worden war.

In den Bonner Anfängen nahm sich die Präsenz einstiger Nazis im Anhang der CDU und CSU (bei der FDP und der Deutschen Partei ganz gewiß) prozentual kaum anders aus. Spätestens seit den sechziger Jahren aber schüttelte Westdeutschland den Bann der kollektiven Verdrängung ab. Die Gesellschaft wurde, ob es ihr paßte oder nicht, zur permanenten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der sogenannten, gezwungen: ein Prozeß, der auch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des "Dritten Reiches" - siehe die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht - nicht abgeschlossen ist. Die Öffnung zur Welt, die europäischen und atlantischen Partnerschaften, vor allem die Beziehung zu Israel duldeten nicht, daß die Bundesbürger den Schatten des Gestern entliefen - während der andere deutsche Staat den schwelenden Antisemitismus als "Kampf gegen den Zionismus" nur flüchtig und zynisch genug camouflierte. Die offene Konfrontation mit der Realität des braunen Totalstaates fand in Wahrheit nicht statt, denn es wären peinliche Parallelen sichtbar geworden. Dies war vielleicht die folgenreichste aller Sünden des Regimes. Vergangenheit und Gegenwart hoben sich im Gewoge des antifaschistischen Mythos auf - und die Lüge hat ein zähes Leben. Die antifaschistisch drapierte Verlogenheit, die so tief in totalitärem Denken verwurzelt ist, rumort immer weiter, nach Westen übergreifend. Bei der Debatte über das antikommunistische "Schwarzbuch" erlebte Berlin ihre offene Eruption.

Im Niemandsland

Im Jahre 1992 gaben, nach einer Untersuchung des Allensbacher Institutes für Demoskopie, noch immer mehr als zwei Drittel der ostdeutschen Bürger an, sie hätten bis zuletzt an die "Überlegenheit des Sozialismus" geglaubt. Der Aberglaube mag den meisten vergangen sein, doch zugleich hat sich das Bild der autoritären Gesellschaft verklärt: Sie erscheint einer Mehrheit als ein Hort gemütlicher Geborgenheit, Stasi hin oder her. Nur noch 36 Prozent der Ostdeutschen verbinden mit dem Sozialismus, den sie erlebten, negative Gefühle. Für 63 Prozent war er "von der Grundidee her ein gutes Konzept, das nur unbefriedigend umgesetzt wurde". 40 Prozent der Zeitgenossen jenseits der Elbe stimmen der Marxschen These zu, daß das kapitalistische Eigentum die "Quelle der Ausbeutung" sei. Und die Mehrheit der Bürger dort drüben hält das Wort Klassenkampf für den zutreffenden Begriff, um das Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern zu beschreiben. Nahezu fünfzig Jahre der Indoktrinierung hinterließen ihre Spuren, und der Muff der Epoche wirkt nach: Beinahe die Hälfte der Leute gibt zu erkennen, sie hätte sich in der DDR vor Verbrechen besser behütet gefühlt als nun in der rauhen Wirklichkeit des Westens.

Wichtiger: Die Studie von Allensbach zeigte an, daß nur 36 Prozent der Ostdeutschen die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik für verteidigenswert halten (gegen 69 Prozent der Bürger des Westens) - seit 1994 ein Rückgang um siebzehn Punkte. Und 76 Prozent der Ostdeutschen meinten, auf eine Freiheit, in der Millionen arbeitslos seien und die Großindustrie Rekordgewinne mache, könnten sie verzichten (gegen 50 Prozent der Westdeutschen).

Das bestätigte sich in der ergänzenden Frage, was wesentlicher sei, die Freiheit oder "möglichst große Gleichheit": 60 Prozent der Ostdeutschen sprachen sich für die Gleichheit aus (statt 36 Prozent wie 1994). Der Freiheit gaben im Osten nur noch ein Viertel der Bürger den Vorrang. Auch in Westdeutschland reduzierte sich das Votum für die Freiheit von 60 auf 47 Prozent. Der Vorsprung vor der Gleichheit schrumpfte auf arme fünf Prozent - doch immerhin, es gibt ihn noch.

Die Freiheit, liest man, sei heute in Deutschland "kein zentrales Thema". Man habe die Chancen für die staatsbürgerliche Bildung und die Verbesserung des Verständnisses für die parlamentarische Demokratie im Osten nicht genutzt. Der Preis dieser Entwicklung für die freiheitliche parlamentarische Demokratie sei hoch, stellte die Studie fest, und sie fragte, ob Deutschland (in Ost und West) 1998 "das gleiche Land" sei wie bei der Bundestagswahl vier Jahre zuvor. Noch vor dem Umzug nach Berlin, "dem augenfälligen Beginn der Berliner Republik", habe sich "die Verfassungswirklichkeit in deutlich wahrnehmbarer Richtung verändert": Das ist sie, die "andere Republik". Nach einer Studie der Parteienforscher Stöss und Niedermayer stehen 50 Prozent der Bürger im Osten (und 33 Prozent im Westen) Demokratie und Grundgesetz kritisch-fremd gegenüber - "systemverdrossen", wie die Experten es ausdrücken.

Der deutsche Westen, seine Parteien und das Wahlvolk werden sich, so ist zu fürchten, in der "Berliner Republik" weiter wandeln. Just aus diesem Grund zögerte eine Mehrheit der Abgeordneten der beiden Volksparteien, sich von Bonn zu verabschieden. Wolf Jobst Siedler wies (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) darauf hin, es sei "nur einer Handvoll Liberaler und gewendeter Staatssozialisten" zu verdanken, daß Deutschland sein politisches Zentrum nach Berlin verlegte. Doch wenn es denn wahr ist, was die Kritiker des Bonner Idylls (des angeblichen) so beharrlich predigen: daß die Politiker durch das rauhe Milieu einer Großstadt in die Wirklichkeit gezwungen würden - dann kann es nicht gleichgültig sein, daß die alt-neue Hauptstadt von einer Gesellschaft eingekreist ist, die in ihrer Mehrheit auf die Freiheit des Westens pfeift.

Ein wirtschaftlicher Aufschwung, wenn er denn endlich kommen sollte, mag das demokratische Bewußtsein stärken. Die Entwicklung der Bundesrepublik - und nicht nur die ihre - bewies, daß es vor allem der Wohlstand ist, der das Freiheitsgefühl ermutigt und stärkt. Aber was, wenn sich die Krise fortschleppt? Wenn ein Ausbeuter der Not auf den ostdeutschen Ressentiments à la Jean-Marie Le Pen oder Jörg Haider Orgel zu spielen beginnt?

Bonn sei nicht Weimar, sagte der große Schweizer Journalist Fritz René Allemann vor mehr als vier Jahrzehnten. Er behielt recht. Aber Berlin? Wird es sich von der europäischen Einbindung prägen lassen, die mit der gemeinsamen Währung eine neue Etappe erreicht? Um so wichtiger, daß der östliche Nachbar Polen seine Heimat im Westen sucht: Das "Dreieck von Weimar" (nach dem Ort der ersten gemeinsamen Konferenz der französischen, polnischen und deutschen Außenminister so geheißen) könnte eine wahrhaft segensreiche Neuerung sein, wenn es tatsächlich die gegenseitige Einbindung der Partner ins Geflecht der Europäischen Union beschreibt. Der politische Begriff "Weimar" mag damit einen besseren Klang gewinnen, der nicht länger den Abmarsch in die Barbarei signalisiert.

Im Niemandsland

Man wird sich in der anderen, der "Berliner Republik" nach manchen der Bonner Qualitäten sehnen. Auch wenn sich die düster-lastende Schwere des Reichstagsgebäudes durch die Neukonstruktion ein wenig löst - seine Geschichte wird es nicht los. Es wird niemals so durchsichtig, so leicht sein wie der Bonner Plenarsaal, der demonstrierte, daß repräsentative Architektur nicht auftrumpfen muß, sondern unaufwendig, frei und dennoch selbstbewußt sein kann. Wenn sich in zehn Jahren einer in Berlin nach dem Weg zum Zentrum des Staates erkundigt, wird er fragen, wo es zum Bundestag geht - oder (noch immer) zum Reichstag? Darauf kommt es an.