Im Jahre 1992 gaben, nach einer Untersuchung des Allensbacher Institutes für Demoskopie, noch immer mehr als zwei Drittel der ostdeutschen Bürger an, sie hätten bis zuletzt an die "Überlegenheit des Sozialismus" geglaubt. Der Aberglaube mag den meisten vergangen sein, doch zugleich hat sich das Bild der autoritären Gesellschaft verklärt: Sie erscheint einer Mehrheit als ein Hort gemütlicher Geborgenheit, Stasi hin oder her. Nur noch 36 Prozent der Ostdeutschen verbinden mit dem Sozialismus, den sie erlebten, negative Gefühle. Für 63 Prozent war er "von der Grundidee her ein gutes Konzept, das nur unbefriedigend umgesetzt wurde". 40 Prozent der Zeitgenossen jenseits der Elbe stimmen der Marxschen These zu, daß das kapitalistische Eigentum die "Quelle der Ausbeutung" sei. Und die Mehrheit der Bürger dort drüben hält das Wort Klassenkampf für den zutreffenden Begriff, um das Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern zu beschreiben. Nahezu fünfzig Jahre der Indoktrinierung hinterließen ihre Spuren, und der Muff der Epoche wirkt nach: Beinahe die Hälfte der Leute gibt zu erkennen, sie hätte sich in der DDR vor Verbrechen besser behütet gefühlt als nun in der rauhen Wirklichkeit des Westens.

Wichtiger: Die Studie von Allensbach zeigte an, daß nur 36 Prozent der Ostdeutschen die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik für verteidigenswert halten (gegen 69 Prozent der Bürger des Westens) - seit 1994 ein Rückgang um siebzehn Punkte. Und 76 Prozent der Ostdeutschen meinten, auf eine Freiheit, in der Millionen arbeitslos seien und die Großindustrie Rekordgewinne mache, könnten sie verzichten (gegen 50 Prozent der Westdeutschen).

Das bestätigte sich in der ergänzenden Frage, was wesentlicher sei, die Freiheit oder "möglichst große Gleichheit": 60 Prozent der Ostdeutschen sprachen sich für die Gleichheit aus (statt 36 Prozent wie 1994). Der Freiheit gaben im Osten nur noch ein Viertel der Bürger den Vorrang. Auch in Westdeutschland reduzierte sich das Votum für die Freiheit von 60 auf 47 Prozent. Der Vorsprung vor der Gleichheit schrumpfte auf arme fünf Prozent - doch immerhin, es gibt ihn noch.

Die Freiheit, liest man, sei heute in Deutschland "kein zentrales Thema". Man habe die Chancen für die staatsbürgerliche Bildung und die Verbesserung des Verständnisses für die parlamentarische Demokratie im Osten nicht genutzt. Der Preis dieser Entwicklung für die freiheitliche parlamentarische Demokratie sei hoch, stellte die Studie fest, und sie fragte, ob Deutschland (in Ost und West) 1998 "das gleiche Land" sei wie bei der Bundestagswahl vier Jahre zuvor. Noch vor dem Umzug nach Berlin, "dem augenfälligen Beginn der Berliner Republik", habe sich "die Verfassungswirklichkeit in deutlich wahrnehmbarer Richtung verändert": Das ist sie, die "andere Republik". Nach einer Studie der Parteienforscher Stöss und Niedermayer stehen 50 Prozent der Bürger im Osten (und 33 Prozent im Westen) Demokratie und Grundgesetz kritisch-fremd gegenüber - "systemverdrossen", wie die Experten es ausdrücken.

Der deutsche Westen, seine Parteien und das Wahlvolk werden sich, so ist zu fürchten, in der "Berliner Republik" weiter wandeln. Just aus diesem Grund zögerte eine Mehrheit der Abgeordneten der beiden Volksparteien, sich von Bonn zu verabschieden. Wolf Jobst Siedler wies (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) darauf hin, es sei "nur einer Handvoll Liberaler und gewendeter Staatssozialisten" zu verdanken, daß Deutschland sein politisches Zentrum nach Berlin verlegte. Doch wenn es denn wahr ist, was die Kritiker des Bonner Idylls (des angeblichen) so beharrlich predigen: daß die Politiker durch das rauhe Milieu einer Großstadt in die Wirklichkeit gezwungen würden - dann kann es nicht gleichgültig sein, daß die alt-neue Hauptstadt von einer Gesellschaft eingekreist ist, die in ihrer Mehrheit auf die Freiheit des Westens pfeift.

Ein wirtschaftlicher Aufschwung, wenn er denn endlich kommen sollte, mag das demokratische Bewußtsein stärken. Die Entwicklung der Bundesrepublik - und nicht nur die ihre - bewies, daß es vor allem der Wohlstand ist, der das Freiheitsgefühl ermutigt und stärkt. Aber was, wenn sich die Krise fortschleppt? Wenn ein Ausbeuter der Not auf den ostdeutschen Ressentiments à la Jean-Marie Le Pen oder Jörg Haider Orgel zu spielen beginnt?

Bonn sei nicht Weimar, sagte der große Schweizer Journalist Fritz René Allemann vor mehr als vier Jahrzehnten. Er behielt recht. Aber Berlin? Wird es sich von der europäischen Einbindung prägen lassen, die mit der gemeinsamen Währung eine neue Etappe erreicht? Um so wichtiger, daß der östliche Nachbar Polen seine Heimat im Westen sucht: Das "Dreieck von Weimar" (nach dem Ort der ersten gemeinsamen Konferenz der französischen, polnischen und deutschen Außenminister so geheißen) könnte eine wahrhaft segensreiche Neuerung sein, wenn es tatsächlich die gegenseitige Einbindung der Partner ins Geflecht der Europäischen Union beschreibt. Der politische Begriff "Weimar" mag damit einen besseren Klang gewinnen, der nicht länger den Abmarsch in die Barbarei signalisiert.