Die Fraktion der Vor-Warner wird brüchig. Zwar gibt es immer noch das Unbehagen und die negative Prophetie gegenüber der "Berliner Republik". Aber allmählich wechseln die Vor-Warner ins Lager der Entwarner. Nun heißt es: So viel wird sich nicht ändern! Oder: Unser Föderalismus ist viel zu stabil und kann auch durch die Hauptstadt nicht erschüttert werden - die "Berliner Republik" als Fortsetzung der "Bonner Republik" unter Berliner Bedingungen gewissermaßen.

Dieser Umschwung der Stimmen kommt vom "Rutschbahneffekt", den die Verteidiger Bonns schon bei der Umzugsdebatte befürchteten. Der große Sog, der Magnetismus der Metropole hat begonnen. Man geht inzwischen nach Berlin, auch wegen der Konkurrenz, um mitzuhalten und aufzusteigen. Praktische Fragen zählen: Wohnen in Ostberlin, soll man, kann man? Sind S-Bahn-Fahrten nach 10 Uhr gefährlich? Der politische Alarmismus ist etwas für den Status quo. Als Motiv für einen Neuanfang stört er. Vor-Warner und Entwarner nun beziehen sich auf eine identische Annahme: Mit der "Berliner Republik" drohten der dunkle Drang zur undemokratischen Deutschtümelei und ein Rechtsruck der Republik. Die Angst ist Projektion, und das Postulat der Selbstberuhigung ist falsch. Ändern wird sich viel, aber gerade das nicht, was man befürchtete.

Verfrüht, ja verfehlt wäre es, nach einem geheimen Programm der "Berliner Republik" oder einer bestimmenden politischen Formationen zu suchen oder derlei zu suggerieren. Sie ist ein offenes Projekt. Darum sollte das andere Ufer inspiziert werden, sollten die neuen Fragestellungen, die sich mit diesem Namen verbinden, ernsthaft analysiert und, wie ich meine, auch mit Optimismus behandelt werden. Eines steht jedenfalls fest: Seit von der "Berliner Republik" geredet wird, gibt es - selbst unter ihren Verächtern - ein eindeutiges Vorher und Nachher. Mit anderen Worten: eine Zäsur. Daß zudem ein großer Generationswechsel der Politik ansteht, gehört dazu. Aber zugleich - nicht zuletzt wegen des verzögerten Regierungsumzuges - befinden wir uns noch in einer Grauzone zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht. Und so kann man trefflich streiten, was dem Vorher und dem Nachher zugehört.

Da ist vieles, was der neuen Republik angelastet wird, Schutt der alten. Die Geschichte hat außerdem Ironie: Das Bild und auch der Begriff der "Bonner Republik", ihre liberale, antinationale, westorientierte Identität - das sind Folgen der "Berliner Republik" - zumindest chronologisch gesehen. Erst der Schlagschatten des drohenden Regierungsumzuges trieb zum Rückblick, zur Definition der rheinischen Republik.

Was hier im Medium des Verlustes gesehen wurde, wäre eigentlich aktive Traditionsstiftung. In der englischen und amerikanischen Kultur sanktionieren Traditionen nicht das Vergangene, sondern definieren das Neue. Die Geschichte der gelungenen Demokratisierung müßte mithin die Berliner Zeit begründen. Aber warum der Klageton, wenn Klaus Harpprecht das goldene Zeitalter am Rhein beschwört? Warum nur Trauer um das gute Alte und nur Ressentiment gegen das (möglicherweise) schlechte Neue? Vorauseilende Resignation!

Fruchtlos ist es, wie Thomas Assheuer die Geisterdebatten des deutschen Feuilletons aus den letzten Jahrzehnten zu zitieren, auch wenn sie noch einmal im Vorgefühl der "Berliner Republik" aufleben. Droht der Geschichtsrevisionismus? Oder die Rückkehr zur "Völkeridentität"? War Bonn ein Sonderweg? Nationale Normalisierung oder nicht? Und immer wieder die Vision einer rechtsintellektuellen Hydra, mit den nachwachsenden Köpfen Bohrer, Nolte und Baring? Diese Thematiken klingen alle schon ein bißchen gruftig. Sie reflektieren nur die beliebte, verläßliche Links-Rechts-Symbiose und das obsolete intellektuelle Lagerdenken im Kampf um die Deutungshoheit. Nachwehen der alten Bundesrepublik, wie der neue Eheversuch von Geist und Macht, der kürzlich von Klaus Staeck und Oskar Negt im Willy-Brandt-Haus unter dem Titel "Eurovisionen" inszeniert wurde. Was da an linkem Antiamerikanismus, an Klagen über die "Globalisierung", die irgendwie an den guten alten US-Imperialismus erinnerte, hochdämmerte, war vom Retrovirus infiziert. Der Kanzlerkandidat Schröder distanzierte sich höflich.

Klaus Harpprecht mag die "Berliner Republik" nicht und wirft ihr die Folgen der Wiedervereinigung vor. Sie habe zur Lähmung der demokratischen Kultur der Bundesrepublik geführt. Er polemisiert gegen das postsozialistische Elend in Ostdeutschland, gegen das Defizit an ziviler Kultur und gegen die wieder wachsende unfreiheitliche, ja undemokratische Gleichheitsideologie. Seine Klage ist ein veritables Stück an Westalgie, das Gegenstück zur florierenden Ostalgie. Die Tolerierung à la Magdeburg, für Harpprecht ein Sündenfall! Ich kann diese Polemik teilen. Nur darf man so simpel alle Verwerfungen und Ungleichzeitigkeiten, die die Wiedervereinigung hervortrieb, kurzerhand der "Berliner Republik" als Wesensmerkmale zudiktieren?