Wenn Berend Breitenstein vor dem Spiegel steht, um seinen Körper zu kontrollieren, sieht er nicht nur Masse und Struktur seiner Muskulatur. Er sieht auf sein Leben. Ein solcher Körper wächst einem nicht zu, man muß ihn sich schaffen. Ein Bildhauer am eigenen Fleisch. Die Muskelfaser ist das Material, die Ernährung der Meißel, das Training der Hammer.

Bodybuilder werden nicht von dem Wunsch nach Selbsterkenntnis getrieben, wenn sie ihren Körper modellieren. Bei dem jungen Berend war es der Ansatz zur Dicklichkeit, unter dem er in der Schule litt. Über den Comics von Batman und Superman träumte er sich in Körper hinein, die er niemals haben konnte. Eines Tages fiel ihm ein Magazin für Bodybulding in die Hände. Es war eine Offenbarung: Wenn er hart genug trainierte, würde ihm ein solcher Körper wachsen.

Mit fünfzehn war Berend Breitenstein der jüngste Bodybuilder, der je an Hamburger Juniorenmeisterschaften teilgenommen hatte. Er glaubte an die Kraft der Kohlehydrate, Proteine, Vitamine. Eines Tages würde er auch ohne Doping beim Wettbewerb "Mister Olympia" antreten. "Ich habe vier Jahre gebraucht, bis ich einsah, daß das eine Illusion ist", sagt er heute. "Mister Universum" löste sich für ihn zwar im Dunst der Illegalität auf, sein Körper aber entwickelte sich trotzdem weiter.

Zum Aufwärmen zehnmal sechzig Kilo stemmen

Das Tretlager des Standfahrrades surrt. Hinter den Fensterscheiben liegt die Straße im Frühlicht. Es ist Sonntag morgen, sechs Uhr. Vor einer Stunde ist er aufgestanden, hat zwei Tassen Kaffee getrunken und ist ins Studio gegangen.

Kaffee und Nüchterntraining am frühen Morgen sind an Effektivität nicht zu schlagen. Um diese Zeit ist das für das Muskelwachstum wichtige männliche Geschlechtshormon Testosteron auf seinem Höchststand. Die Energiespeicher in der Muskelzelle werden jetzt schnell entleert. Wenn man den Körper in diesem Zustand hart arbeiten läßt, ohne die Zufuhr von Kohlehydraten, zum Beispiel durch das Frühstücksbrötchen mit Honig, zwingt man ihn, seine Fettreserven anzugreifen. Ehe es als Energielieferant verfügbar ist, muß sich das Körperfett in freie Fettsäuren umwandeln. Diesen Vorgang begünstigt das Koffein. Und das Insulin, das den Fettabbau behindert, kann noch nicht dazwischenfunken, weil der Insulinspiegel im Hungerzustand niedrig ist.

Das alles erfuhr er erst nach seinem Eintritt in die Welt, in der die unumstößlichen Gesetze des Stoffwechsels herrschen. Er betrat sie nach der Schule als Lehrling durch die Ladentür des Reformhauses. Was er dort über Ernährung erfuhr, formte er im Kraftraum zu Bausteinen für seinen Körper um. Für die Architektur eines Körpers, wie er ihm vorschwebte, reichte das Wissen aus dem Reformhaus nicht aus, und so landete Breitenstein im Hörsaal für Ökotrophologie. Mit 28 Jahren machte er sein Diplom als Ernährungswissenschaftler. Bodybuilding war zum Brainbuilding geworden.