Mehr als 10000 neue Lehrstellen in den neuentwickelten Berufen", jubelt der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT). "Insgesamt haben wir in dieser Legislaturperiode 34 neue Berufe geschaffen", fügt stolz Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) hinzu und ist zuversichtlich, daß im Wahlherbst 1998 alle jungen Leute unterkommen, die "ausbildungswillig und -fähig" sind.

Die üblichen Erfolgsmeldungen aus Bonn zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres werden diesmal noch lauter hinausposaunt als sonst. Es gibt bislang nur vorläufige Daten, und diese sind vage genug für freie Interpretationen. Denn die Zahl der tatsächlich abgeschlossenen Lehrverträge wird immer erst zum 30. September erhoben. Praktisch für die Politiker - da ist die Bundestagswahl gelaufen.

Zweckoptimismus hin, Zahlenbeschwörung her - die Lage ist schlecht. Genau betrachtet, gesteht dies auch Rüttgers in seiner Augustbilanz ein: Er kommt auf eine "rechnerische Lücke" von 131022 Ausbildungsplätzen, ähnlich wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Doch damit hört die Gemeinsamkeit auf. Der Bonner CDU-Mann wirft der DAG nämlich vor, diese Zahl als "politisches Kampfmittel" zu mißbrauchen. Sein Gegenargument: Wie in jedem Jahr werde sich auch 1998 "diese sogenannte Lücke schließen". Rüttgers vergißt, daß selbst 1997, als sich nach Jahren des massiven Lehrstellenabbaus die Lage leicht entspannte, mindestens 22000 junge Leute auf der Straße blieben, also nicht einmal von einer Auffangmaßnahme profitierten. Besonders fragwürdig ist das vom Bildungsminister versprochene Nullsummenspiel mit Blick auf Deutschland-Ost: Dort, so konzidiert er selbst, fehlten im August noch 69570 Lehrstellen. Das Sonderprogramm für ostdeutsche Jugendliche, das Bund und Länder gemeinsam finanzieren, sieht gerade 17500 Plätze vor.

Mal abgesehen von der kurzatmigen Wahlarithmetik: Die Bundesrepublik ist weit von dem Ziel entfernt, jedem jungen Bürger die Berufswahlfreiheit zu ermöglichen, wie sie im Grundgesetz steht. Um dieses Recht zu garantieren, so urteilte das Bundesverfassungsgericht schon 1980, sei ein "Mindestüberhang" von 12,5 Prozent an Lehrstellen erforderlich. "Denn was nützt es einem jungen Mann aus Ostfriesland, der Tankwart werden möchte, wenn in München noch eine Lehrstelle für eine Industriekauffrau frei ist", skizziert DAG-Vorstandsmitglied Veronika Pahl das Problem. Für die rund 645000 Bewerber des Jahrgangs 1998 müßten die Unternehmen demnach 774000 Plätze zur Auswahl bereitstellen. "Allerhöchstens kommen 608000 Stellen zusammen", hat DGB-Bildungsexpertin Regina Görner hochgerechnet. Und die Herausforderung wächst: Im Jahr 2005 werden bereits 720000 junge Leute eine betriebliche Berufsausbildung anstreben.

Im Sommer 1996 scheiterte der letzte Versuch kläglich, ein "Bündnis für Ausbildung" zustande zu bringen. Seitdem werden vor allem symbolische Politik und Flickschusterei betrieben. Der Bundesbildungsminister hat sich angewöhnt, seine Versprechen nur an "ausbildungswillige und -fähige" Jugendliche zu richten. Im Klartext heißt das: Jeder Schulabgänger, der leer ausgeht, ist selbst daran schuld. Die 10 bis 14 Prozent eines jeden Jahrgangs, die regelmäßig ohne Berufsausbildung bleiben, definiert Rüttgers zu "praktisch begabten" Jugendlichen um, denen mit einer verkürzten zweijährigen Lehre und dem "Kleinen Gesellenbrief" zu helfen wäre, wenn die Gewerkschaften nur wollten. Welche Betriebe zusätzliche Plätze für die Kurzlehre einrichten sollten, sagt Rüttgers nicht. Ganz abgesehen davon, daß junge Leute, die sich mit dem Lernen schwertun, nicht weniger, sondern mehr Zeit brauchen, um sich mit einem Stoff auseinanderzusetzen. Das steht für Berufspädagogen außer Frage, egal, ob sie von den Bildungswerken der Arbeitgeberverbände, vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) oder von den Gewerkschaften kommen.

Das duale System der Berufsausbildung ist nicht generell altmodisch und unflexibel. Zweifellos sind die neuentwickelten Berufsbilder, etwa für die Medien-, Informations- und Kommunikationsindustrie, ein Fortschritt. Allein in diesen Wirtschaftssektoren gibt es auf diese Weise laut DIHT gut 6500 neue Lehrstellen. Einschränkend muß jedoch gesagt werden, daß nicht jeder neue Ausbildungsplatz automatisch ein zusätzlicher ist. Viele Firmen haben sich bisher mit alten Ausbildungsordnungen beholfen und stellen jetzt einfach auf zeitgemäßere Berufsbilder um.

Diese neuen Berufe - vom Mechatroniker über den Mikrotechnologen bis zum Fachinformatiker - verlangen viel von den Azubis. Zwar haben hie und da selbst Hauptschulabsolventen die Chance, eingestellt zu werden, doch der Anteil der Abiturienten ist hoch. Den Arbeitgebern ist's recht so: Für Volljährige gelten die Jugendschutzbestimmungen nicht. Wer älter und besser ausgebildet ist, hat in der Regel reifere Umgangsformen, und mit Führerschein sind die Azubis für die Firmen flexibler einsetzbar. Der Freistaat Sachsen zieht nun die Notbremse und will nur noch Unternehmen unterstützen, die Ausbildungsstellen für Real- und Hauptschüler schaffen. Andere Ostländer erwägen den gleichen Schritt.