Nach neun Stunden ist das Lebensziel etwas klarer. So jedenfalls sollte es für jene sein, die das Institut für praktische Psychologie in Mannheim nach einem anstrengenden Testtag wieder verlassen. Sie kommen kurz vor dem Abitur, um zu erfahren, was sie studieren könnten. Oder nach dem Studium, um herausfinden zu lassen, was sie selbst noch immer nicht über sich wissen und sie mit Unsicherheit erfüllt: Wo liegen denn nun ihre speziellen Fähigkeiten, die sie von anderen abheben und für Arbeitgeber attraktiv machen könnten?

Wer nach Mannheim kommt, zahlt erst einmal zwischen 1200 und 1600 Mark, um dann sein Schicksal in die Hände zweier Psychologen zu legen und ungeduldig auf die Aussagen vielfältiger Tests zu warten, die schließlich entscheiden sollen über die Reiseroute der nächsten Lebensjahre.

Hilfe und Beratung bietet auch das Arbeitsamt

Seit vier Jahren besteht das Mannheimer Institut. Drei bis vier junge Leute werden dort pro Woche getestet, meist Abiturienten. Zu ihren Vorstellungen über die eigene Zukunft äußern sie sich vor Test und Gesprächen in einem Fragebogen. Auf dieser Grundlage wird ein individuelles Testprogramm zusammengestellt. "Bei einer naturwissenschaftlichen Begabung zum Beispiel legen wir den Schwerpunkt des Tests auf diesen Bereich. Jeder Test geht aber über das Spezialgebiet hinaus und ist sehr breit angelegt", sagt Hans Rettler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut. Zu den Schwerpunkten der langjährig erprobten psychodiagnostischen Testverfahren, mit denen das Institut arbeitet, zählen die Entdeckung bisher nicht erkannter Begabungen und Fähigkeiten und die Eignung für eine bestimmte Berufsausbildung.

Manfred Klostermann vom Hamburger Arbeitsamt hält einen solchen Test für schlicht überflüssig. "Ist es notwendig, stundenlange Tests zu machen, um am Ende etwas herauszubekommen, was ich selbst längst über mich wissen könnte?" sagt er und fragt sich, wieso junge Menschen zu so wenig Selbsteinschätzung in der Lage sind: "Für mich ist das ein Abschieben von Verantwortung." Die Arbeitsämter würden so früh mit der Berufs- und Studienberatung beginnen, daß jedem Schüler und später auch jedem Studenten genügend Möglichkeiten gegeben wären, sich rechtzeitig über ihren weiteren Weg zu informieren. Für jene, die dennoch nicht in der Lage sind, bestimmte Konfliktsituationen zu bewältigen, gibt es außerdem den psychologischen Dienst der Arbeitsämter.

Auch Niclas Schaper vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg verweist auf die sehr guten und seit Jahren geprüften Testverfahren der Arbeitsämter. Wer für berufliche Probleme Hilfe sucht, sei dort gut aufgehoben. Seine Erfahrung zeige außerdem, daß reine Leistungstests oft sehr abstrakt seien und zuwenig auf die zukünftigen Erwartungen an den Schüler oder Studenten eingingen. Wichtig sei es, in Beratungsgesprächen kleine Szenarien zu entwerfen, die den Anforderungen und Konflikten nahe kommen, mit denen man später konfrontiert werden könnte.

Ein Vorteil des Mannheimer Instituts liegt trotz der fehlenden Praxisbezüge sicherlich in den guten Kenntnissen seiner Mitarbeiter über die aktuellen Studienangebote und Fachrichtungen an Fachhochschulen und Universitäten. So können für konkrete Studiengänge Empfehlungen für bestimmte Universitäten gegeben werden, die sich auf dem gewünschten Gebiet einen Namen gemacht haben. Auch über Auslandsaufenthalte und die Möglichkeiten, ein solches Studium in das deutsche Scheine-System zu integrieren, informiert das Institut. Wer einen Tag dort verbracht hat, kann jederzeit wiederkommen und sich erneut beraten lassen. Diesen Service bezahlt man bereits am Anfang mit. Annette von Speßhardt ist noch einmal hingefahren, nachdem sie das VWL-Studium geschmissen hatte. Um sich bestätigen zu lassen, daß sie jetzt alles richtig macht.