Cal Orcko, Kalkberg, heißt der Ort in der Ketschua-Sprache. Hier wird derzeit Dinosauriergeschichte geschrieben. Wenige Kilometer von Sucre entfernt, auf 3000 Meter Höhe in den zentralen bolivianischen Kordilleren, liegt der Steinbruch der größten Zementfabrik des Andenstaates. Schon lange waren den Arbeitern die seltsamen Abdrücke aufgefallen, die 1994 ein einheimischer Experte als Saurierfährten identifizierte. Allerdings war aus dem Ausland niemand zu einer Untersuchung vor Ort zu bewegen, bis vor einem Jahr ein Videofilm des regionalen Tourismusdirektors den Weg in die Schweiz fand. Das Dokument ließ Christian Meyers Urzeitforscherherz höher schlagen; der Dinospurenexperte reiste nach Sucre - und schwärmt noch heute: "Das war ein atemberaubender Anblick." Der Solothurner Forscher kennt alle wichtigen Fundorte der Erde aus eigener Anschauung, von Kanada über die Seychellen bis Turkmenistan. Vor wenigen Tagen ist der Privatdozent der Universität Basel von seiner wohl aufregendsten Expedition zurückgekehrt. Cal Orcko ist ein Glücksfall, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Beeindruckend ist zunächst allein die Ausdehnung: Mehr als 25000 Quadratmeter, die Fläche mehrerer Fußballfelder, umfaßt die Kalkwand, die mit Trittsiegeln nur so gepflastert ist. Meyer nimmt an, daß die Dinos vor rund 68 Millionen Jahren am Ufer eines seichten, warmen Süßwassersees gelebt haben, der sich bis an die heutige bolivianisch-peruanische Grenze und nach Nordargentinien erstreckte. Daß die Sauriertritte und Reste von Schildkröten, Krokodilen, Welsen und Algen ausgerechnet aus der späten Kreidezeit stammen, hält der Spezialist für einen besonders günstigen Umstand: Aus dieser Epoche gab es bisher fast keine Daten.

Doch nicht nur die Dimension, auch die Qualität faszinierte den Geologen. "Wir haben hier die ganze Diversität an Dinosauriern, kurz bevor sie von der Erde verschwanden. Dies beweist, daß die Artenvielfalt vor ihrem Aussterben wesentlich größer war als bisher angenommen." Zu den wichtigsten neuen Erkenntnissen gehört auch, daß sich Ankylosaurier - vierfüßige Vegetarier mit einem Knochenpanzer - bis nach Südamerika ausgebreitet hatten. Vorher war deren fossile Hinterlassenschaft auf dem Subkontinent unbekannt.

Für Christian Meyer sind es die interessantesten Dokumente, zeigen sie doch die Dynamik der Saurierbewegung auf: Einige Ankylosaurier trotteten gemächlich, andere eilten mit bis zu 11 Kilometern pro Stunde übers Land. "Das ist extrem schnell für einen Vierfüßer mit einem Gewicht von sechs bis acht Tonnen. Da müssen wir unser altes Bild von plumpen Wesen revidieren", erklärt der 42jährige. Für viele Ausstellungsmacher bedeutet dies: Skelette und Modelle umbauen, Erklärungstafeln neu beschriften. "Ankylosaurier sind heute dargestellt wie Gürteltiere, die Füße breit auseinander, der Körper nahe am Boden. Das stimmt so nicht. Sie sind schmaler und eleganter gebaut."

Am spektakulärsten findet Meyer die Spuren der Titanosaurier. Sie waren mit einer Größe von bis zu 25 Metern wahre Giganten unter den Riesenechsen. Mit 3 Kilometern pro Stunde gingen sie relativ langsam, andere Arten schafften dagegen Tempo 30. Im Fall eines Raubsauriers konnten die Forscher sogar feststellen, daß er hinkte.

Cal Orcko ist ein Ort der paläontologischen Superlative. Hier findet sich ein über 350 Meter langer "Wanderweg" eines Raubsauriers, die längste bislang bekannte Dinospur der Welt. Auch die Quantität ist verblüffend: Rund 5000 meist gut erhaltene Fußtritte warten darauf, entschlüsselt zu werden - so viele wie nirgendwo sonst auf dem Planeten. Da zahlreiche Fußstapfen von Jungtieren herrühren, läßt sich auch die Entwicklung einzelner Arten ablesen.

Der Tummelplatz der Saurier ist inzwischen Ziel einer wachsenden Fangemeinde. "Wir hatten während unserer Arbeit jeden Tag 70 bis 80 Besucher", sagt Meyer. Seit seiner Rückkehr arbeitet er in seinem geräumigen alten Bauernhaus in Wisen bei Olten. In der Abgeschiedenheit des Juras beschäftigt sich der Dinofan, der schon als Knabe seine Heimat nach Fossilien abgesucht hatte, mit der Kartierung der Spuren und der Analyse der Abgüsse. In einem Jahr soll dann das Forschungsunternehmen abgeschlossen sein.