Zu greifen ist er kaum, zu begreifen leicht: der Mann, der Ehre über alles stellte - und seine unehelichen Kinder ein Leben lang verleugnete; der Romancier, der von seiner Stärke, "die Menschen so sprechen zu lassen, wie sie wirklich sprechen", überzeugt war, "ich bilde mir ein, daß ich auch die Besten auf diesem Gebiet übertreffe" - und dessen Romane in ihrer oft klapprigen "warf Alvensleben ein..., lachte Sander..., Schach war wie mit Blut übergossen..."-Dramaturgie uns heute fahl, wie mit Spinnweb überzogen vorkommen; der Lyriker, dessen Balladen über den "alten Derffling" oder Prinz Louis Ferdinand arg blechern scheppern - und der zugleich unvergeßliche Verse schrieb, im Ton der Gültigkeit und von geradezu Bennscher Modernität: "Wie's dich auch aufzuhorchen treibt, / Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt"; der Theaterkritiker, der Ibsen schaudernd begreift und Gerhart Hauptmann fördernd entdeckt - von dessen Arbeit er gleichwohl erhofft, dies sei nicht die Literatur der Zukunft; der Beobachter von Geschichte und bewundernde Zeitgenosse Bismarcks - von dem er dann doch das am schärfsten konturierte Porträt zeichnet: "Diese Mischung von Uebermensch und Schlauberger, von Staatengründer und Pferdestall-Steuerverweigerer, von Heros und Heulhuber".

Fontane: ein unsicherer Kantonist, wie Thomas Mann ihn nannte, der im selben Atemzug das schöne Wort von der "verantwortungsvollen Ungebundenheit" fand. Er sprach auch vom "talent épistolaire", der Begabung des Briefeschreibens. Und in der Tat: All die Widersprüche dieses flach Aufbegehrenden werden am grellsten deutlich in seinen Briefen voll zärtlicher Distanzierung, hochmütiger Bescheidenheit und wägender Ungerechtigkeit.

Allein unter dem bemäntelnden Rubrum "das war eben im 19. Jahrhundert so" ist derlei nicht abzubuchen. Vielmehr lautet die Frage: Gibt es ein Kontinuum des Konservativen im Denken und Fühlen von Theodor Fontane? War sein liebevoller Spott über preußischen Landadel und neureiches Bürgertum doch nur das güldene Abendlicht über einer "besonnten Vergangenheit" - während eine zutiefst eingewurzelte antidemokratische Gesinnung ihn an Bruch, Aufbruch und Radikalität hinderte - übrigens auch an der seines poetischen Systems? Hat die seltsam diffuse Milchigkeit dieser quälenden Milde, des stets bereiten Pardons etwas zu tun mit einer charakterlichen Disposition oder einem gedanklichen Konzept?

Theodor Fontane war ein Besänftiger: Der behaglich-behäbige Fluß seiner Prosa - "Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe" - entspringt einer Quelle, die man das Lebensgesetz Fontanes nennen kann. Das Unpsychologische seiner Prosa hat er selber erkannt, wenn er eingesteht: "Ich kann wohl schildern, was einer Liebesgeschichte vorhergeht und auch das was folgt, ja, für das Letztre hab ich vielleicht eine gute Begabung, die Liebesscenen selbst werden mir nie glücken." Das heißt ins Deutliche übersetzt, er sieht Menschen von außen. Das mag man Plauderer nennen, man kann auch von Epigrammatiker sprechen, der den Epiker verdrängt. "Weil der Staat Friedrichs des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Lande ist" wäre so eine gelungene Spruchweisheit, eine Be-Deutung. Das ist Zeige-Gestus. Doch wer das Innen von Menschen unerforscht läßt - ist der selber innen vielleicht ungerührt? Fontanes unablässige Beteuerungen: "...und zu meinen kleinen Tugenden zählt die, die Menschen nicht ändern zu wollen", "natürlich wünscht sich ein vernünftiger Mensch nur das Zulässige, das Mögliche, das Wohlmotivierte" verraten den Grundsatz des Noli me tangere. Theodor Fontane ist ein Quietist. Seine Maxime lautet "Gehorchen und schweigen", und wenn er die mal aus dem Auge verliert, ermahnt er sich rasch: "Aber genug, ich schreibe mich sonst in die kitzlichsten Fragen hinein."

Es ist wohl diese gepuderte Biedermeierlichkeit, eine stets ins Behagliche ausbalancierte Scherenschnitt-Technik, die Gottfried Benn meinte, wenn er Schroffes und Schründe bei Fontane vermißt: "Das Pläsierliche, ein Präservativ der Moral, eine Hemdsärmeligkeit des Charakters, eine fritzisch-freiheitliche Form des Stils, exerziert nach allround und commonwealth, ist schwer zu durchschauen: dies gleiche Pläsierliche, das zum Beispiel bei Thomas Mann, zu dem verwandtschaftliche Beziehungen bestehen und der seinerseits ein großes Attachement für den Märker bekundet, den Rang nicht mindert." Interessanterweise schließt der Geschichtspessimist Benn den Satz an: "Fontane wurde beruhigt durch die Geschichte."

Stimmt das? Der Autor des Stechlin wird ja gerne als Sympathisant revolutionärer Strömungen, Verkünder der Rechte des Vierten Standes interpretiert - noch in Zeittafeln kann man von der "Teilnahme" an den Barrikadenkämpfen 1848 lesen. Bei Lichte betrachtet, verhält sich das alles ein wenig anders. Sein Lebensmotto "Ich bin nun mal für Frieden und Compromisse" und sein Abscheu vor dem "Dümmsten, was es gibt... Majoritäten" prägen ihn tief. Für Fontanes Aktivitäten in den Märztagen 1848 gibt es nur eine Quelle - seine eigene. Die ironische Distanziertheit in seinen Memoiren wird in der Fontane-Literatur gelegentlich als "doch recht unwahrscheinlich" abgetan - ohne jedoch verläßlichere Quellen zu nennen. Heroisch jedenfalls, gar revolutionär sieht das nicht aus, wie der junge Apotheker auf die sturmläutende Berliner Georgenkirche zuläuft - "Natürlich war die Kirche zu - protestantische Kirchen sind immer zu" - und schließlich in der Nähe des Alexanderplatzes am Sturm auf das Königsstädter Theater teilnimmt, wo man "hübsche kleine Gewehre mit Bajonett und Lederriemen" erobert: "Ich war unter den ersten, denen eins dieser Gewehre zufiel und hatte momentan denn auch den Glauben, daß einer Helden-Laufbahn meinerseits nichts weiter im Wege stehe. Noch eine kurze Weile blieb ich auch in dieser Anschauung. Wieder draußen angekommen, schloß ich mich abermals einem Menschenhaufen an, der sich diesmal unter dem Feldgeschrei ,nun aber Pulver' zusammengefunden hatte. Wir marschierten auf einen noch halb am Alexanderplatz gelegenen Eckladen los und erhielten von dem Inhaber auch alles, was wir wünschten. Aber wo das Pulver hintun? Ich holte einen alten zitronengelben Handschuh aus meiner Tasche und füllte ihn stopfevoll, so daß die fünf Finger wie gepolstert aussahen. ... Als ich so den Lauf halb voll haben mochte, sagte einer, der mir zugesehen hatte: ,Na, hören Sie...' Worte, die gut gemeint und ohne Spott gesprochen waren, aber doch mit einemmal meiner Heldenlaufbahn ein Ende machten."

Fontane führt die Ereignisse des Jahres 1848 durchaus ins Possierliche, wenn er nach hübschen Sottisen wie "Freiheit konnte sein, Lebertran mußte sein" schließlich die berühmt gewordene Summe zieht: "Viel Geschrei und wenig Wolle." Entscheidender fast noch ist die Fontanesche Bremsspur, jener Satz, mit dem er sich "aus dem Gefecht" zieht: "Ich kann hier keine bestimmten Angaben machen, weil ich alles, was Anstoß geben könnte, dringend zu vermeiden wünsche."