Kommt sie - oder kommt sie nicht, die Große Koalition? Darüber mögen am 27. September die Wähler entscheiden - jedenfalls über die groben Voraussetzungen einer Antwort. Aber ob nun eine große Koalition kommt, weil am Tag danach gar nichts anderes rechnerisch möglich wäre, oder ob ein solches Bündnis möglich wird, weil eine andere mehrheitsfähige Kombination auf einer zu schütteren Grundlage stünde - dies alles soll hier sowenig interessieren wie die Schleiertänze, die in der Schlußphase des Wahlkampfes um dieses Thema veranstaltet werden.

Die Frage ist vielmehr: Wäre es denn schlimm, wenn es nach der Wahl zu einer großen Koalition aus SPD und Union (oder in umgekehrter Rang- und Reihenfolge: aus CDU/CSU und Sozialdemokraten) käme? Ja, wäre eine solche Formation aus objektiven Gründen nicht geradezu erwünscht, jedenfalls in der gegenwärtigen Lage?

Ohnedies ist es an der Zeit, diese Frage ohne Rücksicht auf die taktischen Wünsche der Beteiligten zu beantworten, denn - ausgehend vom heutigen Stand der Dinge - sind folgende Prognosen erst einmal plausibel: Welche Regierung auch immer nach dem 27. September gebildet wird - sie wird kaum für vier Jahre vorhalten. Wie sollte eine ohnedies relativ schmale rotgrüne Mehrheit vier Jahre lang den immensen Belastungen der nationalen und der internationalen Politik standhalten? Eine große Koalition? So etwas kann man erst nach einer Wahl verabreden, aber kaum dafür in den Wahlkampf ziehen - also auch nicht gut in den nächsten; für beide Parteien ist es deshalb profitabler, daß sie sich, wenn irgend möglich, rechtzeitig vor der nächsten Wahl wieder trennen - oder auf vorzeitige Neuwahlen zusteuern. Insofern müssen wir im Bund - so oder so - mit einer großen Koalition rechnen: entweder am Anfang oder im Lauf der Legislaturperiode.

Was also spräche für eine große Koalition? Der Rückblick auf die Jahre zwischen 1966 und 1969 ist hilfreich, aber nur in Grenzen. Das gilt vor allem für die SPD: Sie war damals als Juniorpartner aus dem Aschenputteldasein der ewigen Oppositionspartei erlöst und gewissermaßen bundespolitisch hoffähig gemacht worden; im Gegenzug brachten die Sozialdemokraten eine ganze Phalanx von außerordentlich vielversprechenden Persönlichkeiten ins Regierungslager mit: Brandt, Wehner, Schmidt, Erler, Schiller, Möller, Schmid, Heinemann... Das eine wie das andere könnte man heute nicht sagen. Andererseits war innenpolitisch die Große Koalition das langfristig erfolgreichste Reformbündnis der Nachkriegsgeschichte: die große Finanzreform, die mittelfristige Finanzplanung, das Stabilitätsgesetz, die Rationalisierung der Politik durch die Einführung des "Berichtswesens" (Jahreswirtschaftsbericht, Bildungsbericht...) - ja, selbst in der inzwischen längst wieder fragwürdig gewordenen Hochschulpolitik. Nicht zu vergessen die damals im Ergebnis zu Unrecht verschriene "Notstandsgesetzgebung", bei der es sich in Wirklichkeit darum handelte, fatale Vorbehaltsrechte der Alliierten gegenüber der eigenen Souveränität abzuschütteln. Und wenn man der damaligen "Elefanten-Ehe" auch vorhielt, sie hätte nicht zum parlamentarischen Grundmuster gepaßt, so hat sie doch den ersten parlamentarischen Machtwechsel der Bundesrepublik eingeleitet.

Heute bleibt davon nur die Erinnerung an die Einsicht: Bestimmte Dinge können große Koalitionen offenbar besonders gut ausrichten - anderes könne sie nicht. Zum Beispiel können sie trotz ihrer "Größe" (fast: glücklicherweise) nicht als inhärent stabil gelten, weil jeder Teilnehmer nach dem potentiellen Partner einer künftigen kleinen Koalition schielt; deshalb mißlang seinerzeit auch das Projekt einer Wahlrechtsreform - es hätte die FDP untergepflügt.

Was aber könnte eine große Koalition heute besonders gut richten? Weshalb lohnt es sich, für begrenzte Zeit von der "normalen" Konkurrenzdemokratie auf eine "außergewöhnliche" Konkordanzdemokratie umzuschalten? Es ist dabei übrigens bemerkenswert, daß - von den immer wieder apostrophierten "Runden Tischen" bis zu dem immer wieder beschworenen "Bündnis für Arbeit" - im gesellschaftlichen Bereich viele von Konkordanzmodellen träumen, die sie für den parlamentarischen Sektor rundheraus ablehnen. Noch erstaunlicher aber ist die Vorstellung, ausgerechnet eine "alternative" rotgrüne Koalition könnte sich mit einem korporatistischen "Bündnis für Arbeit" aus Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern vertragen.

In Wirklichkeit gilt das nackte parlamentarische Konkurrenzmodell britischer Prägung nirgendwo auf dem europäischen Kontinent, sondern überall eine Mischung aus Konkurrenz-, Konkordanz- und korporatistischen Elementen. Allerdings mit bezeichnenden Unterschieden. Zum Beispiel Österreich: Während in Deutschland große Koalitionen als Ausnahmeerscheinungen gelten, ist dort die Konkordanzdemokratie - ähnlich wie in der Schweiz - als Grundmuster anzusehen. Zum Beispiel Frankreich: Dort ist die Kohabitation zwischen Präsident und Regierung (die eine Instanz sozialistisch, die andere konservativ) die gar nicht mehr so seltene Ausnahme, bei uns die Kohabitation zwischen der parlamentarischen und der föderalistischen Staatsebene die Regel - und dabei das Gegeneinander von Regierungsmehrheit im Bundestag und Oppositionsmehrheit im Bundesrat kaum noch die Ausnahme.