Als "Partnerersatz" wird der Hund wahrscheinlich schon seit der antiken Polis und dem Zerfall der großen Reiche gekauft bzw. durchgefüttert; seit Auflösung der Sowjetunion ist nun auch dort die Hundehaltung ein "Massenphänomen" und also beliebtes Thema der russischen Sozialforschung. In den westlichen Metropolen ist man bereits einen Schritt weiter - nämlich voll im Diskurs der Exkremente.

Je nach Temperament und technischer Ausstattung werden unterschiedliche Lösungen propagiert: In New York muß Herrchen viele gute Dollars zahlen, wenn sein Hund in flagranti erwischt wird; in Paris versucht man sie an den Straßenrand zu drängen, wo regelmäßig gekehrt wird; in London und Zürich gibt es Automaten, die Kottüten feilbieten; in Seoul hält man Hunde meist in Mastanlagen; in Sofia werden sie bei Rudelbildung erschossen.

Früher stellten deshalb die Behörden Schilder auf deutsch und türkisch an die Grünanlagen: "Hunde sind an der Leine zu führen". Die Türken besaßen jedoch in toto keine Hunde, dafür eroberten sie nach und nach die Rasenflächen zum Picknicken.

Heute schaffen sich viele junge Türken Kampfhunde an. Die von diesen Tieren drohende "Gefahr" sowie die "Hundescheiße" insgesamt - das ist vor allem ein Thema der "Mütter" ("Muttis" in Ostberlin genannt). Manche Kindertagesstätten halten spezielle Bürsten vor, mit denen die Kinder ihre Schuhe reinigen, wenn sie auf dem Rasen gespielt haben.

Im kämpferisch-mittelständisch gewordenen Charlottenburg gibt es jetzt eine Initiative, die rund um den Lietzensee gegen uneinsichtige Hundebesitzer vorgeht. Die vier Hauptaktivistinnen, eine ist Journalistin von Beruf, sind sehr "pressebewußt"; sie haben sich einige "medienwirksame Aktionen" ausgedacht. Die sind auch erforderlich, denn sonst verschwindet der Antihundekampf - wie der gegen Tauben, Fixer, Freier und so weiter - schnell wieder aus den Schlagzeilen. Und Schlagzeilen sind wichtig, weil erst dadurch ein privates Anliegen zu einem quasiöffentlichen wird. "Medienwirksam" wurden also Protestwindeln auf einer Wiese verteilt (um zu zeigen, wie es aussähe, wenn sich Eltern wie Hundebesitzer verhielten), und auf Bürgersteigen wurden Kothaufen mit Spraydosen bunt umrandet.

Das kreative Erringen öffentlicher Aufmerksamkeit hat den schönen Nebeneffekt, daß sich die großstädtische Bevölkerung entlang der Konfliktlinie neu durchstrukturiert, wie wir Hobbystadtplaner sagen, das heißt, Menschen unterschiedlichster Rassen, Religionen und Reichweiten "come together", um über "one point" zu kommunizieren.

So "arbeite" ich zum Beispiel mit einem üblen Altnazi "zusammen" - in einer Antiradfahrerinitiative auf dem Bürgersteig vor unserer Haustür. Jedesmal, wenn uns eine schöne "medienwirksame Aktion" gelungen ist, herrscht danach wieder eine Weile "Frieden", ja sogar eitel Sonnenschein - in unserem kleinen dunklen Hinterhof-Soziotop. So was ist nicht zu verachten.