Große Tragödien, das weiß der Theaterliebhaber, finden nicht nur auf der Vorderbühne, sondern auch hinten in den Kulissen statt. Vorn reden sich die Könige um Kopf und Reich, hinten verspielt Hanswurst seine letzten Habseligkeiten. Der glamouröse Untergang der Herrscher kehrt wieder als Farce in den tolpatschigen Unfällen des Personals. Wo der Imperator in kalter Pracht zugrunde geht, zeigt sein braver Knecht, wie klein und allzu menschlich der Stoff ist, aus dem solche Untergänge gemacht sind. Im Theater kommt kein König ohne Kasper aus, kein Held ohne Buffo, kein Mächtiger ohne Unterleib. Im Theater gehört der Bauernschwank gewissermaßen zum Königsdrama wie der Spermafleck zum Präsidenten.

Der ehemalige Spiegel- Redakteur Hellmuth Karasek, der neben vielem auch Theaterautor ist, hat den Versuch unternommen, in seinem Romandebüt Das Magazin die Geschichte eines mächtigen deutschen Nachrichtenmagazins aus der Unterleibsperspektive zu schreiben. Sein Held, Daniel Doppler, der wie der Autor jahrzehntelang Redakteur eines offenbar sehr bedeutenden Hamburger Nachrichtenmagazins war, erzählt uns noch einmal die rührende Geschichte von den Veteranen des deutschen Nachkriegsjournalismus. Alle, die im wahren Leben den Managern und Funktionären des Konzernjournalismus längst gewichen sind, haben hier noch einmal ihren großen Auftritt: die Reiterarmee der wackeren Rechercheure und die wilden Kerle in den Redaktionsstuben, die erbarmungslosen Konferenzritter und die verängstigten Blattsoldaten, die röhrenden Umbruchslöwen und die zu allem entschlossenen Scheckbuch-Cowboys, die jovialen Menschenschinder und die genialen Arbeiterinnen im Weinberg der Journalistenpoesie.

Einen Roman nenne das, wer alle Hoffnung fahrenläßt. Einen Schlüsselroman schon gar nicht, obgleich unter dem dürftigen Schamtüchlein eines Decknamens ein Bataillon größerer und kleinerer Zelebritäten aus Kultur und Politik auftritt. Doch mehr als die bekannten Zerrbilder kommen dabei nicht heraus: Günter Grass in der Rolle des alten Rechthabers, Klaus von Dohnanyi als hanseatischer Oberlehrer, Heiner Müller als Salonstalinist, Wolf Biermann als geldgeiler "Klassenkrampf"-Barde. Was der Erzähler schließlich über das sagenhafte Magazin, jenes berüchtigte "Sturmgeschütz der Demokratie" (Augstein über den Spiegel), zu berichten weiß, sind kurzweilige Schmonzetten aus dem Ghetto für höhere Angestellte. Nostalgisches über ein vorsorglich nicht zur Kenntlichkeit entstelltes Kollegium. Amüsante Anekdoten die ihren Gegenstand nicht durchdringen, allerdings den unbestreitbaren Vorzug haben, ihn auch nicht ernst zu nehmen.

Die Strategie, die große Geschichte des republikbewegenden Presseorgans auf ein privates Gruppenbild mit eitlen Gockeln, zynischen Auflagenhengsten, verängstigten Hühnern und überforderten Zwergkaninchen zu reduzieren, ist nicht überzeugend, aber unterhaltsam. So rapportiert der Erzähler alles Wissenswerte über die Saufgelage der Herren Redakteure in den Spelunken rund um den Zeitungstempel und gedenkt der trüben Nächte der Redakteusen auf dem Ledersofa des Ressortleiters. Er spottet milde über die Kollegen Parkplatzhirsche, ihre lebenszerreibende Jagd nach dem Magazin-Zimmer mit "Doppelachse" und geißelt die "überhebliche Verdrossenheit", die sich jeder im Magazin mit der ersten Gehaltserhöhung zulegt. Er bedichtet knapp oberhalb der zulässigen Zotengrenze die "Transparenzparties" in den Fluren des Presseorgans, hetzt die obligaten Blondinen aus der Werbeabteilung auf die Herren Ressortleiter und bedient sich könnerhaft des inneren Monologs, um die Sexualnöte der Betriebsangehörigen ins rechte Zwielicht zu rücken: "Mein Gott, verhüte, daß ich heute mit dem ins Bett steige! Gott half nicht immer, und verhüten mußte man selber." Die Herren von der Chefredaktion behandelt er so gnadenlos milde wie Heinz Rühmann die alten Pauker in der "Feuerzangenbowle". Und selbst das Porträt seines Verlegers entstammt zwar der vulgärpsychologischen Strickwarenabteilung, fällt aber nachgerade zärtlich aus: "Die meisten Frauen waren nicht mit ihm ins Bett gestiegen, weil er Macht über sie hatte, jedenfalls nicht in erster Linie, obwohl Macht, wie sollte es anders sein, eine starke erotische Ausstrahlung hat. Nein, was ihn so unwiderstehlich machte, war neben seinem Reichtum, den er lässig, beinahe verächtlich zu behandeln schien, sein jungenhafter Charme, seine koboldhafte Frechheit, sein Witz, seine Freiheit von Konventionen; diese Freiheit handhabte er, ohne peinlich oder grob oder grobklotzig zu werden; dazu war er einfach zu zierlich." Der Erzähler, das merkt man gleich, ist allen anderen immer ein Stück voraus, weil er hinter ihnen her hinkt. In seinen Adern fließt Druckerschwärze von ihrer Druckerschwärze. Doch wenn alle dazu bestellt sind, sich wichtig zu machen, ist er dazu da, sie auszulachen.

Die politischen Skandale, in die das Magazin verwickelt war, die es provoziert und gesteuert hat, die bedeutenden Stationen der Blattpolitik zerfallen vor dem Blick des Hofnarren in viele launige Einzelteile. Durch Karaseks Weichspüler gezogen, wird aus der Waldheim-, der Barschel-Affäre ein Stück aus Emil und die Detektive, werden die Krisen und Triumphe des Magazins zu einer Räuberpistole, in der kindische Chefredakteure auf windige Zuträger hereinfallen, Redakteure wie Kommissar Derrick nachts in den Büschen recherchieren oder, auf dem Höhepunkt der Affäre, nach London fliegen, um aus reinem Übermut ein Paar Schuhe zu kaufen. Wenn es stimmt, daß man ein und dieselbe Geschichte aus einhunderttausend Perspektiven erzählen kann, wählt Karasek mit sicherer Hand die verbraucherfreundlichste, die naivste, die allzu menschliche. Aus den Heroen des Enthüllungsjournalimus werden auf diese Weise Kleinbürger, die in Wahrheit lieber Diaabende zu Hause ausrichten, statt die Republik zu erschüttern. Auch wenn das die ganze Wahrheit sein mag, ist es doch zuwenig.

Zwischen komisch verpatzten Interviews, tolpatschigem Techtelmechtel mit den Vorzimmerdamen, Parties hier, Parties da, vergeht die Zeit. Doppler leidet unter dem Untertanengeist, der durch das mächtige Haus geistert. Doppler zeugt hier ein Kind, zeugt da ein Kind und schwitzt nachts einsam in sein Kissen. Irgendwie könnte alles immer so weitergehen, doch auf Seite 397 ist die schöne, schlimme Zeit vorbei. Plötzlich stehen auf den Parties in den Deichtorhallen nicht mehr die bekannten Radaubrüder der Macht, sondern "schrecklich schlanke" junge Herren in dunklen Zweireihern mit glänzenden Gelhaaren, in denen man die nach hinten gezogenen Kammspuren sieht. Das Zeitalter des Yuppie-Journalismus hat begonnen.

Doppler verläßt das Magazin, stolpert beim Abgang noch über ein Auto, bricht sich aber kein Bein.