Kurz vor ihrem 18. Geburtstag wurde Sandra Schmitt* ein zweites Mal geboren. Nach fast vier Monaten Gefangenschaft im Koma erwachte sie aus der Bewußtlosigkeit. Einige Wochen später kann sie sich schon wieder mitteilen. Mit weit geöffneten Augen schaut sie die Besucherin an. Die rechte Hand vollführt eine energische Bewegung. Nein heißt das. Ich will keine Fragen beantworten. Ich will nicht sagen, wie's mir geht. Sandra faltet die Hände und hält sie unters Kinn: Ich will meine Ruhe, bedeutet diese Geste. Schlafen.

Sandra kämpft. Sie ärgert sich, und sie schämt sich. Denn die neue Sandra ist eine andere als die alte: Sie ist behindert. Das Sprechen muß sie erst wieder mühsam lernen. Sie hat zwar die Worte im Kopf, doch wenn sie die Lippen bewegt, kommt anstelle von Lauten nur Luft aus ihrem Mund. Laufen kann sie auch nicht. Ihre Füße sind durch Spasmen verdreht und so überstreckt, daß sie den Boden nur mit den Zehenspitzen berühren kann. Sandras linke Hand ist nach innen verkrampft. Ihre Behinderung ist eine Folge der Hirnschädigung, die sie bei einem schweren Autounfall erlitten hat. Doch das Gehirn ist nicht so schwer geschädigt, daß Sandra nicht mehr wüßte, wer sie vorher war. Sie erinnert sich, daß sie Lehrling in einer Metzgerei war, Verkäuferin wollte sie werden. Lebenslustig war sie, hat gerne getanzt, zuviel geraucht. Dann passierte der Unfall.

Jedes Jahr fallen in Deutschland rund 40000 Menschen ins Koma. Bei 5000 von ihnen dauert die Bewußtlosigkeit ein halbes Jahr und länger. So gesehen hat Sandra noch Glück gehabt. Ihr Weg zurück ins Leben begann, als sie noch im tiefen Koma lag. Videoaufnahmen zeigen, wie sie, von drei Therapeuten gehalten, auf ih- ren eigenen Füßen steht, wie sie im Stuhl sitzt, im Schwimmbad bewegt wird. Doch Sandra scheint von allem nichts mitzubekommen - mit weit geöffneten Augen schaut sie auf den Videoaufnahmen ins Leere. Sandra befand sich damals im sogenannten Wachkoma. Die Ärzte sprechen auch vom apallischen Syndrom, abgeleitet von Pallium, der Bezeichnung für die Großhirnrinde. Die Hirnrinde ist bei Apallikern inaktiv. Nur der Hirnstamm arbeitet noch, auch das Herz schlägt, die Haut ist durchblutet, und die Verdauung funktioniert. Häufig atmen die Patienten auch selbständig; doch ihre Umgebung und sich selbst nehmen sie nicht mehr wahr. Apalliker reagieren auf Reize bestenfalls mit primitiven Reflexen - das sagt zumindest die vorherrschende Theorie.

Die Patienten werden auf den Tag des Erwachens vorbereitet

Welchen Sinn hat eine Therapie an Men- schen, die davon nichts mehr mitbekommen? "Wir versuchen den Körper von Komapatien- ten in einem guten Zustand zu erhalten", sagt Paul-Walter Schönle, ärztlicher Direktor der Schmieder-Kliniken in Allensbach am Bodensee. Das Krankenhaus zählt zu den größten neurologischen Fachkliniken in Deutschland und ist spezialisiert auf die Behandlung von hirngeschädigten Patienten. Seinen Therapieansatz versucht Schönle mit einem Bild zu beschreiben: Mit Komapatienten verhalte es sich wie mit einem Auto - "wenn es nicht gepflegt wird, fährt es nicht mehr". Deshalb werden Komapatienten in den Schmieder-Kliniken so behandelt, als würden sie auf jeden Fall wieder aufwachen. Wenn dies geschieht, sollen sie nicht unter vermeidbaren Spätschäden leiden, unter verkürzten Muskeln und Sehnen, verdrehten und unbrauchbar gewordenen Gelenken.

Doch die Therapie von Komapatienten ist teuer. Der Tagessatz für die personalintensive Frührehabilitation liegt bei 800 Mark. Die Pflege im Heim verschlingt zwischen 7000 und 11000 Mark monatlich. Und der Bedarf wächst: Dank medizinischer Fortschritte überleben heute auch Menschen mit schwersten Hirnerkrankungen. Manche Patienten liegen zehn, fünfzehn Jahre und mehr im Koma.

In England, der Schweiz und den Niederlanden darf bei Apallikern "Sterbehilfe" geleistet werden. Es wird sogar darüber diskutiert, ob man ihnen Organe entnehmen kann. Auch in Deutschland wird darüber nachgedacht, unter welchen Bedingungen die Behandlung abgebrochen werden darf. Ein erster Entwurf der Richtlinien zur Sterbebegleitung der Bundesärztekammer, der vorsah, daß Apallikern die Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr entzogen werden kann, war auf heftige Kritik gestoßen. Die jüngste Fassung, die in dieser Woche diskutiert wird, stellt Wachkomapatienten ausdrücklich "unter besonderen Schutz" und betont das "Recht auf Behandlung, Pflege und Zuwendung, inbegriffen eine künstliche Ernährung". Doch das Thema ist damit nicht vom Tisch: Nun wird überlegt, ob bei Wachkomapatienten "die Unterlassung lebenserhaltender Maßnahmen in Betracht kommt". Bei fortgeschrittener Erkrankung könnte "der unwiderrufliche Ausfall weiterer vitaler Organfunktionen die Entscheidung rechtfertigen, auf den Einsatz technischer Hilfsmittel zu verzichten". Eine Sterbehilfe auf Umwegen also, die um so leichter fallen wird, wenn der Betroffene zuvor eine entsprechende Verfügung verfaßt hat. Liegt keine Verfügung vor, was bei jungen Menschen die Regel sein dürfte, entscheidet der Betreuer über Leben oder Tod.