Moskau

Nein, ein Lenin ist er wirklich nicht", seufzt der kommunistische Abgeordnete Wiktor Iljuchin über seinen Parteichef. "Gennadij Sjuganow fehlt es an Autorität, an Entschlossenheit", kritisiert der Mann vom radikal-linken Flügel der russischen Kommunisten. Dabei wäre die Zeit reif für Entschlüsse, findet er. "Die Macht steckt in einer tiefen Krise. Rußland ist ohne Regierung. Wahlen sind diskreditiert. Das Parlament entscheidet nichts mehr", sagt Iljuchin. "Wir Kommunisten sollten den Protest auf der Straße anführen, wenn die Soldaten auf Panzern ihren ausstehenden Sold einfordern. Das Volk wird Boris Jelzin stürzen."

Lenins Epigonen in der KPRF sind nur noch ein unkonturierter Abguß der einstigen Partei von Kaderrevolutionären. Der aus weichem Holz geschnitzte Gennadij Sjuganow hat im vergangenen Jahr in St. Petersburg die revolutionäre Ära begraben: "Wir müssen solche Aufstände vermeiden. Rußland ist eine Nuklearmacht, und die ganze Welt würde bitter enden." So vernünftig klingt er öfters. Die russischen Kommunisten sind auf dem langen Marsch durch die Institutionen des Präsidialstaates von Jelzins Gnaden längst zum Teil des Systems geworden. Während Lenins Bolschewiki die Duma, die vom Zaren abhing, boykottierten, stiegen Sjuganows gezähmte Kommunisten zur stärksten Fraktion im russischen Parlament auf. Sie akzeptierten Jelzins autoritäre Verfassung mit demokratischen Zügen von 1993, sie arbeiteten Gesetze aus, sie stellten Minister. Kommunistische Gouverneure kooperierten mit der Zentralregierung.

Doch in diesen Tagen bäumen sich die Kommunisten erneut auf. Der erratische Präsident jagte zum zweiten Mal in fünf Monaten die Regierung fort und zwang der Duma einen Premier auf, den sie von früher kennt. Weder die Kommunisten noch die liberalen Jabloko-Abgeordneten wollten Wiktor Tschernomyrdin den parlamentarischen Segen erteilen. Denn dieser verkörpert in ihren Augen fünf Jahre Mißmanagement. Diese Absagen sind keine Probeläufe zum Staatsstreich wie 1991 oder 1993. Gennadij Sjuganow versucht, gegen Jelzins Kapriolen den Kurs zu bewahren und die Fraktion sowie die vielflügelige Partei zusammenzuhalten.

Die russischen Kommunisten sind eine Regenbogenmischung aus Radikalsozialisten wie Wiktor Iljuchin und moderaten Linken, die gelegentlich mit dem Kreml "kollaborieren", wie Iljuchin es sieht. Anders als die kommunistischen Parteien in Ungarn, Polen oder Tschechien ist die KPRF nie der sozialdemokratischen Versuchung erlegen. Die russischen Kommunisten sind ihrem Namen treu geblieben und pflegen das Andenken Lenins, dessen Schriften ebenso entschieden wie prinzipienlos waren, so daß sich heute jeder das Passende herauspicken kann. Einer wirklichen russischen Sozialdemokratie fehlt eine solide Mittelschicht, auf die sie sich stützen könnte. Wer es in Rußland bis Mitte August zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte, wählte meist die Liberalen. Die Kommunisten sammeln ihre Schäfchen unter unzufriedenen Staatsangestellten und Arbeitern, verarmten Wissenschaftlern und Lehrern. Bei den Demonstrationen der Kommunisten laufen viele mit, die einen Hochschulabschluß haben, aber damit im neuen Rußland nichts anfangen können.

Eine solche Klientel zieht es nicht auf die Barrikaden, sie will die Errungenschaften der Sowjetunion bewahren. Diese bot vor dem selbstverschuldeten Zusammenbruch eine erträgliche Ärmlichkeit für alle, während heute Mercedes-600-Fahrer gern ihre Breitreifen einsetzen, um den Inhalt einer Pfütze auf den Einkaufskarren eines Mütterchens am Straßenrand niederregnen zu lassen. Solche Szenen halten in Rußland den Marxismus am Leben. So hat sich die Kommunistische Partei nicht erneuert, nicht umorientiert; sie entwickelt den sozialistischen Bürokratismus der KPdSU fort und schmückt ihn mit nostalgischen Erinnerungen neu aus. Viele KPRF-Mitglieder träumen von einer "Reintegration" Weißrußlands und einem Rückgewinn des verlorenen Südens.

Daß Rußland eine Großmacht ist, läßt der Nationalpatriot Gennadij Sjuganow seine Zuhörer bei jeder Rede wissen. Nur in Größe könne Rußland überleben, fügt er gern hinzu, die stolze Industrie müsse vor westlichen und einheimischen Plünderern geschützt werden. Deshalb wird in der KPRF auch nicht über Stalin gewettert. Schließlich war es der sowjetische Diktator, der mit der Ideologie vom Sozialismus in einem Land den Sowjetpatriotismus schuf, der nach marxistischer Lesart eigentlich ein Rückfall in die bürgerliche Krankheit des Nationalismus war. Die KPRF öffnet heute ihre Arme weit für Nationalisten, Marxisten, gläubige Orthodoxe, Atheisten, Bucharinisten, Stalinisten. Mit 540000 - zum großen Teil ergrauten - Genossen in einem dichten Netz von Regionalvertretungen haben die Kommunisten die mitgliederstärkste und bestorganisierte Partei. Das unscharfe Programm und die Sehnsucht nach der Vergangenheit halten das zusammengewürfelte Heer im Gleichschritt.