Mit ernstem Blick ahmt Manuela, 9, die tiefen Männerstimmen nach. Ihr pinkfarbenes Fahrrad schiebt sie neben sich her, der blonde Pferdeschwanz wippt im Takt der Schritte. "Todesstrafe für Kinderschänder!" skandiert sie. Um sie herum marschieren mehr als 100 Jungnazis, die dem Ruf der rechtsextremistischen NPD zur Demonstration ins mecklenburgische Städtchen Malchin gefolgt sind, eine Woche nachdem hier ein ermordetes Mädchen aufgefunden wurde. "Kinderfreunde von Malchin", dröhnt es aus einem Megafon. "Wir machen Schluß mit der Resozialisierung von Kinderschändern. Wählen Sie die NPD!" Manuela kannte die Ermordete vom Spielplatz. Jetzt hat sie einen NPD-Aufkleber an ihrem Rad. "Hier marschiert der nationale Widerstand", brüllt der Demonstrationszug. Manuela brüllt mit.

Am 27. September wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag. Der Deutschen Volksunion (DVU) und auch der Nationaldemokratischen Partei (NPD) wird wohl der Einzug ins Schweriner Schloß gelingen, nur die Republikaner sind chancenlos. Zwar liegen alle zusammen in den Umfragen nur bei fünf Prozent. Doch erfahrungsgemäß gibt sich nur ein Teil der rechten Wähler den Demoskopen zu erkennen. Das Land ist seit Jahren eine rechte Hochburg. Zehn "Kameradschaften" gewaltbereiter Skinheads hat der Verfassungsschutz gezählt, einige haben gar Vorläufer in der DDR. Zum "harten Kern" gehörten 1997 800 Personen; jeder zehnte gewaltbereite Rechte Deutschlands kommt also aus dem Küstenland, obwohl dort nur gut zwei Prozent der Bevölkerung leben.

Bei ihren Aktionen achtet die NPD auf das korrekte Äußere. Alkohol ist nicht erlaubt, so kippt auf der Demo in Malchin ein bulliger Typ eine Dose Eistee in sich hinein. Vor dem Abmarsch befehlen die Ordner: "Zigaretten aus!" Und als auf dem Marktplatz Gegendemonstranten mit Trillerpfeifen protestieren, heißt es: "Ihr bleibt ruhig!" Vielen im Land gelten die Nazis als ordentliche deutsche Jungs.

Landesvorsitzender der NPD ist Hans Günter Eisenecker, ein Anwalt mit Doktortitel, 1992 aus Hamburg in den Osten gekommen. Ruhig und konzentriert erklärt er bei einer Tasse Kaffee, wie er sich den "nationalen Sozialismus" vorstellt. "Leitwert" der Politik sei "der Mensch in seiner biokulturellen Einbettung". Den Interessen dieser "Volksgemeinschaft" müsse die Politik dienen. Im Moment herrsche dagegen das "Kapitalstreben der Wirtschaft". Exekutiert werde deren Wille von Union, SPD, FDP, DVU, Reps und - mit Einschränkungen - auch den Grünen, allesamt seien sie Teil des "liberal-kapitalistischen Systems".

Die Wirtschaft habe die Gastarbeiter ins Land geholt, so Eisenecker, im Volk gebe es aber eine "natürliche Abneigung" gegen Ausländer. Deregulierung und Globalisierung seien nur im Interesse des Großkapitals, nicht des Volkes. Unter der NPD werde Deutschland zur "ursprünglichen Wirtschaft" zurückkehren. Selbständige Bauern sollten nach einer Bodenreform "wieder auf eigener Scholle produzieren", mittelständische Firmen jeweils ihre Heimatregion versorgen. Banken, Versicherungen und die Großindustrie würden verstaatlicht, damit sie der Volksgemeinschaft dienen. Nach außen werde sich Deutschland mit Zöllen schützen, werde aus der EU austreten und aus der Nato auch, weil die "den Interessen des Großkapitals dient". Punkt für Punkt entwirft Eisenecker, gleichzeitig Bundesvize der NPD, seinen völkischen Staat. Zum Schutz der Gemeinschaft vor "abartigen Menschen", so paßt auch die Demonstration in Malchin ins Programm, sei die Todesstrafe nötig.

Mit ihren stramm antikapitalistischen Thesen kommt die NPD an im Osten. Flächendeckend ist dort die Industrie nach 1990 zusammengebrochen, westdeutsche oder ausländische Konzerne haben glänzend daran verdient. Ordnung, Fleiß, Sauberkeit sind den Ostdeutschen besonders wichtig, Werte wie Freiheit oder Toleranz kaum im Bewußtsein verankert. Den Bürgern ist eine Gesellschaft, in der das Kollektiv mehr gilt als das Individuum, noch gut bekannt - und die Erinnerungen werden zunehmend verklärt. Bewußt lobt die NPD soziale Errungenschaften der DDR, biedert sich dadurch an bei deren Exbürgern, die sich und ihre Lebensleistung vom Westen mißachtet sehen. An manchen Punkten ist die NPD nicht weit von der PDS entfernt, etwa wenn sie ein verfassungsmäßiges Recht auf eine Wohnung fordert und verspricht, unter ihr würden Wohnungen nicht mehr Spekulationsobjekte des Kapitals sein.

"Unsere Forderung nach einem Volkseigentum ruft regelmäßig Begeisterung hervor", berichtet der NPD-Chef. Er freut sich, daß es im Osten nach dem Krieg keine Umerziehung, keine "Indoktrination" gegeben habe. Das Volk hier sei noch nicht so sehr seinen "natürlichen Lebensinteressen entfremdet". Es habe noch Abstand zum kapitalistischen System, "der befähigt zu urteilen". Öffentlich hat Eisenecker DDR-Funktionäre zum Eintritt in die NPD aufgerufen. Stolz berichtet er von Kontakten zur Kommunistischen Plattform der PDS, nach China und Nordkorea - beides nationalistische und antikapitalistische Staaten.