Es gibt nichts Langweiligeres als Marktforscher, die man nach dem Internet fragt. Sofort kramen sie ihre Tabellenkalkulation hervor, präsentieren ein Gestrüpp aus Kurven und Säulen und werden euphorisch, denn ihre Charts beweisen alle dasselbe: Das Computernetz ist riesengroß und wird immer größer. Schließlich jubilieren sie noch: "Niemand kann die Entwicklung stoppen" und prophezeien eine Art Paradies mit Säulchen, die in den Werweißwohin wachsen.

Drei Terabyte umfasse mittlerweile das Netz, behauptet zum Beispiel die kalifornische Firma Alexa Internet - und die muß es wissen, betreibt sie doch eine mächtige Datenbank; in der versucht sie das Internet zu speichern, um den Menschen die Suche im Datendschungel zu erleichtern. Die von Alexa errechneten drei Terabyte entsprechen übrigens exakt 3298534883328 Zeichen (Billionen, so nennt man diese Zahlenwürmer), umgerechnet 1,6 Milliarden Buchseiten. Das ist der Stand von heute, Donnerstag, 16.41 Uhr MEZ, einem tristen hanseatischen Frühherbsttag.

Damit das auch technisch gelingt, basteln unzählige Ingenieure und Programmierer an immer größeren Rechnern, immer dickeren Datenschläuchen, immer fetteren Festplatten und immer gigantischeren Softwarepaketen - bis eines Tages eine Gruppe von Menschen "Halt!" rufen wird. Eben, in diesem Augenblick, können Sie miterleben, wie diese Gruppe gegründet wird. "Vergiß es!" soll sie heißen. Auch sie hat ein paar Charts vorbereitet; sie zeigen ein Gestrüpp aus Kurven und Säulchen, mit dem kleinen Unterschied, daß die immer kleiner werden, bis sie sich auf einem vernünftigen Niveau eingependelt haben.

Doch was tut "Vergiß es!"? Ganz einfach: Die Gruppe soll diesem Immergrößer, Immermehr und Immervollständiger etwas entgegensetzen: die Eleganz des Datenlöschens, die Anmut der Flüchtigkeit, mit einem Wort: die Kunst des Vergessens. Halthalthalt - zu früh widersprochen! Das bedeutet nun nicht, daß sich in den Köpfen der Menschen völlige Leere und Geschichtslosigkeit ausbreiten soll, Unsinn. Vielmehr sollen sie eine Balance zwischen notwendigem Vergessen und notwendigem Erinnern finden. Wie die aussehen kann? Tja, darüber läßt sich trefflich streiten, zum Beispiel im Internet.

Aber unter einer Bedingung: Ist die Lösung gefunden, verschwindet die Vorgeschichte im "Vergiß es!"-Archiv.