Achtzehn Kameras sind auf den Stuhl vor dem alten Holztisch im Nationalen Presseinstitut in Moskau gerichtet. Im Saal drängen sich mehr Menschen als kürzlich bei der Pressekonferenz der Rolling Stones. "On pridjot!" ruft einer - "Er kommt!" Drängeln, Blitzgewitter. Dann taucht der Star dieses Freitagnachmittags auf: ein kleiner Mann im grauen Anzug mit Halbglatze. Domingo Cavallo, Exwirtschaftsminister Argentiniens.

So einen wie Cavallo hätten viele Russen gerne im eigenen Land. Der 52jährige Volkswirt gilt als Vater des argentinischen Wirtschaftswunders. Wie das genau geklappt hat, verstehen nur sehr wenige - Argentinien aber scheint es geschafft zu haben, und das zählt.

Dabei hat Tschernomyrdin, dessen wirt-schaftspolitische Vorstellungen so volatil sind wie die Kurse an der Moskauer Aktienbörse, einmal wirtschaftspolitischen Instinkt bewiesen. Selten ist in einer Volkswirtschaft so mühsam aufgebaute Zuversicht so bitter enttäuscht worden. Die Russen hatten in den vergangenen drei Jahren allmählich wieder Vertrauen in den Rubel gefaßt. Sie haben mit Rubel bezahlt, in Rubel gerechnet - und gespart. Umgerechnet rund 30 Milliarden Dollar Ersparnisse lagen Ende Juli dieses Jahres auf Bankkonten, davon rund 80 Prozent in Rubel. Das Geld ist fast nichts mehr wert: Knapp 70 Prozent Abwertung gegenüber dem Dollar, Preissteigerungen von 100 Prozent und mehr bei Wurst, Sonnenblumenöl und Butter in nur drei Wochen sind das Präludium für eine Hyperinflation, die sich nur noch unter enormen Kosten stoppen lassen wird.

Zwei Stunden hat die Schauspielerin Nora Gawrilowa in der Schlange vor der staatlichen Sparkasse gestanden. Vor einem Jahr hatte sie ihre Wohnung verkauft und das Geld aufs Konto gelegt. Nun geht sie mit leeren Händen nach Hause. "Nie wieder", sagt die schick gekleidete Frau, "werde ich mein Geld auf die Bank legen."

Das Currency Board scheint da vielen russischen Politikern der einzige verbleibende Ausweg, um Rußland vor dem Schlimmsten zu bewahren. "Es ist die letzte Chance, eine normale Wirtschaft aufzubauen", sagt Tschernomyrdin.

Doch ist das Currency Board wirklich die Rettung? Wohl kaum: Denn für den Erfolg fehlen in Rußland die fundamentalen Voraussetzungen. Beispiel Finanzpolitik: Da ein Currency Board ausschließt, daß die Zentralbank Kredite an die Regierung vergibt, bliebe nur der Kapitalmarkt, um das Haushaltsloch zu finanzieren. Doch der gibt nichts mehr her, seit Rußland bei den Inlandsschulden kapituliert hat. Somit aber müßte von Januar 1999 an das Budget ausgeglichen sein. Ein Treppenwitz: Schon die Regierung von Expremier Sergej Kirijenko hat sich gequält, um gerade mal acht Prozent der Gesamtausgaben zu streichen. Zudem kann angesichts der drastisch angestiegenen Inflation niemand mehr prognostizieren, wie der Haushalt im nächsten Jahr aussehen wird. Ein ausgeglichenes Budget ließe sich somit nicht durch vernünftige Budgetplanung, sondern nur durch die übliche Kahlschlagmethode erreichen - mit den entsprechenden sozialen Härten. Ein Blick in die berühmte Wischnjewskij-Klinik in Moskau reicht, um das gegenwärtige Ausmaß der Finanzkrise zu verstehen: Da, wo einst Hunderte herzkranker Kinder operiert wurden, stehen jetzt die Operationssäle und 600 Betten leer.

Beispiel Bankensystem: Ein Currency Board setzt ein stabiles Bankensystem voraus. Das russische Bankensystem aber ist faktisch nicht mehr existent. Der Außenhandel bricht zusammen, weil nur noch wenige Kreditinstitute verläßlich den Zahlungsverkehr abwickeln können. Die Bankenkrise ließe sich kurzfristig nur lösen, wenn ausländische Geldhäuser in große russische Kreditinstitute einsteigen würden. Doch welche amerikanische, Schweizer oder deutsche Bank steigt noch groß in ein Land ein, dessen politische Entwicklung niemand mehr voraussagen kann?