Mit einem schmutzigblauen Tuch wischt Angel Román über das Objektiv seiner uralten Plattenkamera. Kichernd posiert an diesem trägen Nachmittag ein Pärchen hinter einem Holzschild, auf das er ein kopfloses Ehepaar in Gala-Uniform und langer Abendrobe gemalt hat. Während die Kulisse schon bedrohlich wankt, lupft Angel Román flink den Objektivdeckel. "Listo", sagt er zufrieden, das Bild ist im Kasten.

Jeden Nachmittag sieht man ihn, die Kamera geschultert, in blauem Kittel und mit Schirmmütze zur Plaza de Medina del Campo ziehen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert lichtet er als Straßenfotograf die Besucher Segovias ab. Gut könne man zwar nicht davon leben, brummelt der Siebzigjährige in seinen Schnauzbart, "aber irgendwas muß ich ja schließlich tun."

Hinter Angel Román turnen wie jeden Tag die Kinder auf den nasenlosen Steinfiguren herum. Im Schatten des Kirchturms plätschert ein kleiner Brunnen, irgendwo trällert ein Kanarienvogel schneidend sein Lied. Umrahmt von Adelshäusern der Renaissance, dem mittelalterlichen Lozoya-Turm und der romanischen Kirche San Martín zählt dieser Platz zu den malerischsten der Stadt. Dem segovianischen Rebellen Juan Bravo, der im 16. Jh. die Aufstände der kastilischen Stadtgemeinden gegen KarlV. anführte, haben sie unterhalb von San Martín ein Denkmal gesetzt. Zwar scheiterte die "erste moderne Revolution Spaniens" auf den Schlachtfeldern bei Villalar, Juan Bravo und seine Mitstreiter wurden schließlich geköpft. Doch das hindert die Segovianos nicht daran, jedes Jahr am 23. April ihren erfolglosen Helden zu feiern.

Aquädukt, Kathedrale und Alcázar, mehr als zwanzig romanische Kirchen und ein Dutzend Klöster - 1985 wurde Segovia von der Unesco in die lange Liste des "Kulturerbes der Menschheit" aufgenommen. Die 55000 Einwohner zählende Stadt sei jedoch kein architektonisches Museum, sagt Belén, unsere geduldige Stadtführerin: "Wir Segovianos leben gerne in der Altstadt." Wohnungen im historischen Zentrum seien daher heiß begehrt. Und regelmäßig verwandelten sich die Plätze und Gassen in Bühnen für Theater oder Musik. So im Mai, wenn sich Marionettenspieler der Welt hier zum "Titirimundi" treffen und Segovia mit einem Hauch von Magie überziehen. Oder im Juli, wenn während des Sommermusikfestivals die Straßen erfüllt sind von Orchesterklängen.

Nicht nur unter Spaniern gilt Segovia als eine der schönsten Städte des Landes. Wie von einer imaginären Schnur gezogen, streben an sonnigen Tagen Besucherscharen auf der immer gleichen Route zwischen Aquädukt und Alcázar die Calle Real entlang der Kathedrale zu. Daß sich jemand in die Gassen abseits dieser Route verirre, sei ziemlich selten, sagt Belén. Viele Besucher sähen daher auch nicht viel mehr als Aquädukt, Kathedrale und Alcázar, sagt sie achselzuckend, "und Japaner schaffen die Stadt in nur fünfzehn Minuten." Dabei gäbe es doch viel mehr zu entdecken: die steilen Gassen des alten Judenviertels mit der ehemaligen Synagoge, die heute dem Clarissen-Orden als Gotteshaus dient, oder das nahezu vollständig erhaltene Viertel der canonjías, wo im Mittelalter der Klerus wohnte. Auch außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, die AlfonsVI. schon 1088 errichten ließ, bieten sich Ausflugsziele an: Wie wäre es mit einem Spaziergang hinauf zum Pinarillo am linken Steilufer des Clamores, von wo aus man zwischen würzig riechenden Pinien hindurch einen besonders schönen Blick auf den Alcázar hat? Oder ein Besuch des nahe gelegenen Hieronymiten-Klosters Santa María El Parral im Tal des Eresma? Heute empfängt Bruder Marciano die Besucher mit Rosenkranz und knallblauem Handy. Gern zeigt der weißhaarige Mönch Kreuzgang und Kirche, erzählt vom Leben des Ordens, der erst 1985 hier wieder eingezogen ist. Damals, als das Kloster fast schon Ruine war und in der Kirche zwischen Altar und Chorgestühl längst die Schafe weideten. Dann klingelt das Handy. Mit einem entschuldigenden " con permiso" entschwindet er lächelnd hinter der Tür mit der Aufschrift Clausura, Zutritt verboten.

Blickt man vom Aussichtspunkt El Terminillo auf die Silhouette der Stadt, genügt ein Augenblinzeln, und schon verschwimmt Segovia in den sanft geschwungenen Hügeln Kastiliens zu einem steinernen Schiff vor der Gebirgskette der Sierra de Guadarrama, gestrandet auf unendlich weiten Wogen aus Umbra und Frühlingsgrün. Die Kathedrale am höchsten Punkt wird dabei gerne als der Mast des gemauerten Schiffes beschrieben. Als eines der letzten gotischen Bauwerke Spaniens aus dem 16. Jahrhundert gilt sie als die "Dame unter den Kathedralen". Alcázar und Aquädukt sind damit gewissermaßen Schiffsbug und Heck. Und obwohl früher oder später alle Wege hier enden, scheint das Straßengeflecht unentwirrbar. Das Auf und Ab in den kopfsteingepflasterten Gäßchen, die sich irgendwo zwischen Klostergemäuern und Kirchen verlieren; Plätze, die sich unerwartet weiten: etwa wenn die von Adelspalästen gesäumte Calle de Valdeláguila in die Plaza de San Estebán mit ihrer Kirche und dem Bischofspalast mündet. Oder wenn sich am Ende der Calle de Daoíz der Alcázar erhebt: trutzig, mit schiefergedeckten Türmchen, fast wie ein Märchenschloß aus der Phantasiewelt Disneys. Auf einem Felssporn, dort, wo sich die Flüsse Eresma und Clamores vereinen, liegt das Wahrzeichen der Stadt. "Der Alcázar gleicht einem Schiffsbug", schrieb der Schriftsteller Camilo José Cela einmal, "jederzeit bereit, die Anker zu lichten, um im stürmischen Meer Kastiliens seltsame Abenteuer zu bestehen." Das meistfotografierte Schloß Spaniens diente erst vor kurzem für den Film "1492" als Originalschauplatz. Hier deutete schon Alfons der Weise im 13. Jahrhundert die Sterne, lebte später HeinrichIV. mit seiner Halbschwester Isabella, bis sie sich 1474 in der Kirche San Miguel zur Königin von Kastilien krönen ließ.

Jeden Tag, wenn Angel Román kurz vor Sonnenuntergang seine Kamera schultert und sich auf den Nachhauseweg macht, schweben die Störche heim zu ihren Nestern auf den ziegelbraunen Dächern der Stadt. Ihr Klappern mischt sich dann mit dem schrillen Ruf der Schwalben, die im Schatten der Kirchtürme halsbrecherische Sturzflüge vollführen. Die mittelalterlichen Häuser mit ihren verwunschenen Patios sind das steinerne Publikum, wenn die Symphonie der Kirchturmglocken sich zu jeder vollen Stunde über die Stadt legt. Schon bald glaubt man sie an ihrem Klang zu erkennen: scheppernd die wuchtigen Glocken der Kathedrale, dumpf die von San Estebán, hell das Läuten von San Millán. Obwohl Segovia im Mittelalter durch den Wollhandel sehr wohlhabend war, sollte es mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Spaniens zu Beginn des 17. Jahrhunderts dann fast 300 Jahre lang kaum mehr als eine arme Bauerngemeinde sein. Für den Schriftsteller Ignacio Sanz hat Segovia dadurch seinen Zauber bewahrt: "Man hatte einfach kein Geld, um romanische Kirchen und alte Gebäude abzureißen und Neues zu bauen." Im alten Judenviertel besitzt er ein kleines Keramikatelier. Von der Schriftstellerei könne man schließlich nicht leben, sagt er lachend. Seine traditionellen Keramikfiguren zählen mittlerweile zum typischen Kunsthandwerk dieser Stadt.