Der Präsident des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden ist nicht gerade als Parteigänger der Opposition bekannt. Jurist Johann Hahlen hat unter Innenminister Manfred Kanther (CDU) Karriere gemacht. Dem mußte es daher wie Verrat vorkommen, daß die Wiesbadener nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl amtlich verlauten ließen, die Zahl der Sozialhilfeempfänger sei im vergangenen Jahr erneut drastisch gestiegen - um 7,1 Prozent auf nun 2,93 Millionen.

Wollte man damit etwa der Opposition in die Hände spiele? fragen Wahlkämpfer der Regierungsparteien irritiert? Da die Zahlen des Amtes auch nach Auffassung von Kanther stets "die aktuellen Probleme der Gesellschaft widerspiegeln", ist nun amtlich, was die Regierung so beharrlich leugnet: Die Armut nimmt in Deutschland zu. Das paßt den Wahlmanagern natürlich gar nicht ins Konzept.

Daß es immer wieder Versuche gibt, die Statistiker politisch fernzusteuern, mag Hahlen nicht bestätigen. Aber weshalb sonst sollten er und seine 3000 Mitarbeiter gelegentlich von einem Status träumen, "wie er dem Bundesrechnungshof per Gesetz zugebilligt ist"? Was dem Amt de jure nicht gegeben ist, hat es - so Hahlen - dennoch de facto stets gewahrt: Unabhängigkeit.

Die ist auch unverzichtbar. Schließlich ist das Zahlenwerk des Bundesamtes wie auch das der Landesämter nicht nur ein Seismograph, der den Zustand der Gesellschaft beschreibt. Die Daten sind häufig schlichtweg Grundlage der Gesetzgebung. Ohne Wiesbaden gibt es keine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Ausgangslage für alle wirtschafts-, finanz- und sozialpolitischen Entscheidungen. "Wir liefern die Daten, bewerten müssen sie andere", umreißt Hahlen die Grenzen seines Amtes, das formal dem Bonner Innenministerium untersteht.

Mit ihrem Bericht über den Anstieg der Sozialhilfeempfänger haben die Wiesbadener ihre Unabhängigkeit erneut belegt und damit indirekt den Vorwurf der Liebedienerei abgewehrt, der vor einigen Monaten laut geworden war. Kurz vor der Euro-Taufe hatten die Bundeszähler Finanzminister Theo Waigel bescheinigt, er habe die Euro-Kriterien nicht nur erreicht, sondern partiell sogar unterschritten. Prompt warfen Euro-Kritiker unter Berufung auf abweichende Ergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Amt Buchungstricks vor, die nur dazu dienten, dem Finanzminister gefällig zu sein.

Davon konnte indes keine Rede sein. Die Chefstatistikerin des DIW, Karen Müller-Krumholz, nimmt die Wiesbadener Kollegen sogar ausdrücklich in Schutz: "Wir haben nie bezweifelt, daß das Bundesamt richtig gerechnet hat." Müller-Krumholz spart auch sonst nicht mit Komplimenten: "Mit dem Bundesamt für Statistik haben wir eine phantastische Institution." Nach ihren Erfahrungen mit den EU-Nachbarländern sei nur die französische noch mit der deutschen Statistik vergleichbar.

So viel Zufriedenheit wie beim DIW herrscht nicht überall. Der CSU-Abgeordnete Elmar Müller bezeichnete das Amt schon mal als "Deutschlands Zahlenfriedhof", so wenig "up to date" sei das Material. Und der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer beklagt ebenfalls, Wiesbaden hinke der Entwicklung hinterher. Zwar attestiert er den Mitarbeitern "gute Arbeit". Gleichwohl zähle man immer noch, was vor hundert Jahren wichtig gewesen sei - etwa "wie viele Regenschirme aus Hongkong importiert werden". Krämer: "Das ist alles von gestern."