Wie ist es möglich, daß ein "Megathema" (Roman Herzog) im Wahlkampf überhaupt keine Rolle spielt? Bildung, angeblich die wichtigste Ressource beim Aufbruch in die Wissensgesellschaft, Investition in die Zukunft, wertvollster menschlicher Rohstoff, kommt nicht vor in den Wahlkampfreden. Warum will sich der "Reformstau" in diesem Bereich nicht auflösen? Das Thema ist in aller Munde - und dennoch macht sich das Gefühl breit, daß all die Appelle folgenlos bleiben, daß sich an realen Erneuerungen nichts bewegt in der Gesellschaft. Was ist zu tun, damit den vielen guten Worten endlich Taten folgen?

Der politische Rahmen Bildung ist Ländersache und folglich nicht Gegenstand eines Bundeswahlkampfs. Jeder Kandidat, der sich auf diesem Feld profilieren wollte, setzt sich dem Verdacht aus, sich am geheiligten Bildungsföderalismus zu vergehen. Die Zuständigkeit des Bundesbildungsministers beschränkt sich auf eine Rahmenkompetenz bei der Hochschulgesetzgebung, auf eine Beteiligung am Hochschulbau, auf die Studentenförderung durch Bafög und auf die Lehrlingsausbildung in den Betrieben. In den Schulen und Berufsschulen dagegen hat er nichts zu sagen. Damit ist dieses Ministerium das unattraktivste Ressort überhaupt - kein Anreiz für die Parteien, sich viel zum angeblichen Megathema einfallen zu lassen. Zumal, so lautet eine Weisheit aus den Bundesländern, man mit der Bildung nur eine Wahl verlieren, aber keine gewinnen kann.

Weil dies politische Utopie bleiben wird, sollte in dem bescheidenen Kompetenzbereich des Bundesbildungsministers zumindest das Wenige erledigt werden, was die amtierende Regierung bislang nicht geschafft hat: Es gilt, den Rahmen für eine Dienstrechtsreform an den Hochschulen abzustecken, die Weichen für eine vernünftige Studienfinanzierung zu stellen, das Bafög zu novellieren und ein haltbares Bündnis für die Ausbildung zustande zu bringen (siehe auch unten und Seite 79).

Die institutionellen Vorgaben Die beiden Hauptbildungsträger - Schule und Hochschule - sind Einrichtungen des Staates und damit gegen Reformbemühungen weitgehend resistent. Sie stecken im engen Korsett eines Regelwerks, das jeden Versuch, sich zu bewegen, zu einer gewaltigen Anstrengung werden läßt. Bei den Universitäten ist das Reglement etwas lockerer; Autonomie gehört immerhin seit Humboldt zu ihrem unveräußerlichen Recht. Trotzdem, wer bringt die politische Courage auf und wirft den Ballast über Bord, welcher die Hochschulen manövrier-unfähig macht - die Kapazitätsverordnungen, die Curricularnormwerte, die alte Dienstrechtsregelung?

Noch schlechter geht es den Schulen als reinen Staatsanstalten. Hier herrscht eine Hierarchie der Überwachungs- und Aufsichtspflichten: der Lehrer über die Schüler, der Eltern und Schulaufsichtsbeamten über die Lehrer, der Ministerien über die Aufsichtsbeamten. Ein Netz von Gesetzen raubt den Mut zu Erneuerung und Spontaneität. Jede Schule, die sich einmal an ein Experiment herangewagt hat - sei es nur, ein Klassenzimmer bunt anzumalen -, kennt die Rechtsblockaden, die zu überwinden sind: die Aufsichtspflicht, die Schulpflicht, die Unterrichtspflicht, die Anwesenheitspflicht; ein Geflecht aus Vorschriften, das jede Experimentierfreude zum Frust werden läßt.

"Entlassen wir unser Bildungssystem in die Freiheit", hat der Bundespräsident gefordert. Aber so ist es nun mal in einem Staat des schrankenlosen Bildungsföderalismus: Je mehr Freiheit die Landesfürsten den Schulen und Hochschulen gewähren, desto weniger politische Macht bleibt für sie selbst übrig. Damit können nur die Klügsten unter ihnen souverän umgehen.

Gleichzeitig stellt sich heraus, daß die beiden traditionellen Bildungsinstitutionen auch bei größerer Freiheit aus eigener Kraft nur begrenzt erneuerungsfähig sind. Positiv gewendet: Sie brauchen Impulse, Unterstützung und Hilfe von außen; sie müssen von Belehrungseinrichtungen zu "lernenden Organisationen" werden. Diese Hilfe wird nicht aus der Wirtschaft kommen. Hier ist man nicht willens (und auch nur begrenzt verpflichtet), Bildung als eine gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Orientierung und Hilfe kommen vielmehr zur Zeit hauptsächlich von halb privaten, halb staatlichen Einrichtungen, von Stiftungen und Verbänden.