Frau Doktor kommt zum Essen. Frau Doktor kümmert sich um die Gesundheit unserer Katze. Frau Doktor ist Veterinärin und Vege-tarierin. Über die Disposition der Katze spricht sie sachlich, von fleischloser Ernährung schwärmt sie. Das Fleischessen sollten wir den Raubtieren überlassen, sagt sie. Ob wir denn Raubtiere seien, fragt sie, wenn ich mal wieder von einem Abendessen im "Gourmet" erzähle, bei dem Professor L. Einzelheiten von seiner Reise an den Amazonas berichtete. Die dorti-gen Ureinwohner essen Insekten, Spinnen und so 'n Zeug. Schlangen sowieso und kleine Affen. Solche Details erspare ich der Frau Doktor natürlich. Sie findet es verwerflich und ekelt sich davor. Ich übrigens auch. Vielleicht würde ich eventuell einen kleinen Affen ... ich meine, ganz anders als ein Kaninchen wird der auch nicht schmecken. Aber natürlich nur in der Not, wenn es die Gastfreundschaft verlangt.

Wenn Frau Doktor kommt, kochen wir selbstverständlich vegetarisch. Es macht wenig Arbeit und ist eine angenehme Abwechslung. Im übrigen essen wir auch ohne sie mindestens zweimal in der Woche fleischlos oder Fisch. Richtige kleine Menüs, nur Gemüse und Hülsenfrüchte. Als erster Gang zum Beispiel:

Diese Vorspeise stammt aus Nordafrika. Wir könnten sie für Couscous halten, aber sie wird kalt gegessen. Und auf keinen Fall darf man die für Couscous benötigte Getreidesorte verwenden (meistens industriell vorgegart). Die Grundsubstanz des Tabulés heißt Bulgur. Das ist eine Art Weizenschrot, den man heute in jedem Bioladen bekommt. Seine Haupteigenschaft ist das Quellen, da wird er nur übertroffen von Wildreis. Und dafür muß Bulgur nicht einmal gekocht werden, er schafft das auch mit kalter Feuchtigkeit. Wie bei diesem Rezept. Für die Vorspeise brauche ich nicht mehr als 200 g. Ferner 4 große Toma- ten, 1 Salatgurke, 4 kleine Früh- lingszwiebeln, 1 Tasse gerupfte Minzblätter, die gleiche Menge glatte Petersilie, gehackt.

Die Tomaten ganz kurz in kochendes Wasser tauchen und enthäuten, vierteln und die Kerne herauskratzen. Das Tomatenfleisch würfeln. Die Gurke schälen, halbieren und die Kerne mit einem Löffel herausschaben, danach in kleine Würfel schneiden. Die Frühlingszwiebeln in hauchdünne Scheiben schneiden. Schalotten sind hier die zweite Wahl; von anderen Zwiebelsorten rate ich ab.

Das alles in eine Schüssel geben, mit dem Saft von 11/2 Zitronen und mindestens ebensoviel Olivenöl vermischen, salzen und pfeffern (aus der Mühle). Darüber den Bulgur schütten und gut vermengen. Kühl stellen und vier Stunden durchziehen lassen. Während dieser Zeit zweimal durchmischen. Der Bulgur tut, was man von ihm erwartet, er quillt und nimmt gleichzeitig das Aroma der Zutaten auf.

Die Beschreibung läßt erkennen, daß hier dem persönlichen Geschmack viel Spielraum gelassen wird. Allein mit der Pfeffermenge läßt sich wunderbar experimentieren. Ich mag das Tabulé gerne scharf. Auch verändert die Menge des Zitronensafts den Geschmack, und wer sich nicht an die angegebene Menge Gurke und so weiter hält, begeht kein Sakrileg. Schließlich machen sich entkernte und zerhackte grüne Oliven nicht schlecht im Tabulé, auch wenn es nicht zum Originalrezept gehört, welches es sowieso nicht gibt. Es gibt jedoch - dies gilt praktisch für jede Speise - in Dörfern und Familien bevorzugte Variationen. Und nicht einmal die überstehen den Lauf der Zeit unverändert.

Weißwein oder ein Rosé passen zu diesem vegetarischen Auftakt, und da ich den ziemlich säuerlich würze, bevorzuge ich einen Sauvignon aus der Steiermark, der schmeckt auch zur puren Zitrone nicht süß.