Er ist zeit seines Lebens ein armer Schlucker. Ein Knecht, Sargmacher, Salpetersieder, Pulvermacher. Er versucht sich als Garnhausierer und Tuchhändler, als Kleinstbauer, Spinner, Weber, schließlich als Schriftsteller. Erst einige Monate vor seinem Tode resigniert er und schreibt seinen "herren creditoren" ein "Circular" über "soll" und "habe", in dem er ihnen sein Häuschen und seine Habseligkeiten vermacht. "Alles strebt nach freyheit ... nur ich bin noch sclave ... sclave meiner creditoren." Er verabschiedet sich von der Familie mit dem kühlen Gruß, "nun auch einmahl auf meine selbst erhaltung zu dennken", und taucht fünf Wochen unter. Einige Monate nach seiner Rückkehr stirbt er, 63 Jahre alt, vereinsamt und verarmt.

Der letzte Tagebucheintrag lautet: "Ach es sind der ausgaben so viele - und einnahmen - gar keine."

Am 11. September vor genau 200 Jahren ist er gestorben: Ulrich Bräker, der "Arme Mann im Tockenburg", dessen "Lebensgeschichte" nicht nur Literaturgeschichte gemacht hat, sondern obendrein zur historischen Quelle geworden ist für unsere Kenntnisse über den Alltag, die Lebensweise und die Nöte der "armen Menschenclasse" im aufgeklärten Jahrhundert. Die Schweizer Großbank UBS, der Milliardär, demagogische Amateurhistoriker und national-populistische Politiker Christoph Blocher sowie die Schweizer Illustrierte haben sich in diesem Jahr zusammengetan, um das Gedenken an den "Armen Mann" gemeinsam zu versilbern. In Lichtensteig ließen sie das Londoner Globe-Theater - um zwei Drittel reduziert - nachbauen und auf dessen Bühne von Ende Juli bis Ende August Ulrich Bräkers Shakespeare-Adaption "Die Gerichtsnacht oder Was ihr wollt" spielen. Nicht nur der junge (Toggenburger!) Schriftsteller Peter Weber findet die Manier, mit der kapitalkräftige zeitgenössische "Groß- und Größtbauern ... den Kleinbauern Bräker vor den Pflug spannen", ziemlich geschmacklos.

Alle Kriegskunst ist für ihn bloß "mordekunst" Von diesen Grotesken einmal abgesehen, gibt es zum Gedenktag eine kleine Sensation zu vermelden, denn gerade sind im Verlag C. H. Beck die ersten drei der auf fünf Bände geplanten kritischen Werkausgabe erschienen. Sie enthalten erstmals den vollständigen Text aller erhaltenen Tagebücher Bräkers von 1768 bis 1798. Die Planungen für diese editorische Großtat reichen bis in die siebziger Jahre zurück neben dem Basler Germanisten Karl Pestalozzi und seinen Mitarbeitern waren es vor allem die St. Galler Bibliothekare Peter Wegelin und Alois Stadler, die das Werk auf den Weg brachten und damit ein Lebenspanorama erschlossen, wie es einzig dasteht in der Literatur jener Zeit.

Geboren wurde Ulrich Bräker am 22. Dezember 1735 auf dem Flecken Näppis bei Wattwil im Toggenburg als Sohn eines Salpetersieders. Die Salpetersieder - eine "dreckligte Handthierung" - zogen von Bauernhof zu Bauernhof und sotten die harnstoffreiche Erde aus Kuhställen zusammen mit Pottasche, um Kalisalpeter zu gewinnen. Dieser diente zur Herstellung von Schießpulver.

Nach einer höchst rudimentären Schulbildung von jeweils wenigen Wochen im Winter mußte Ulrich "tagmen", das heißt als Knecht im Tagelohn arbeiten.

Später betrieb er zusammen mit seinem Vater das Salpetersieden und Pulvermachen.