Den Grünen auf die Finger sehen

Bonn

Als die Grünen 1983 mit Petra Kelly an der Spitze erstmals den Sprung in den deutschen Bundestag schafften, galt das als großer Erfolg der Umweltbewegung.

In der ersten Freude darüber erkannten die Ökoverbände nicht, daß sie als Umweltopposition nun weitgehend ausgedient hatten. Fortan klopften Journalisten zuerst bei den Grünen an, wenn Ökothemen zu kommentieren waren, zumindest aber dann, wenn es um Gesetzesvorhaben oder Versäumnisse der Regierung ging und nicht etwa um das Wohlergehen des Schwarzstorchs oder ein Hochwasser.

Die Stollmanns werden die Grünen schon verbiegen

Seither kämpfen Umweltverbände und die mittlerweile weitgehend etablierte Ökopartei einen ungleichen Kampf, wenn es um einen der vorderen Plätze in den Agenturmeldungen oder um einen Auftritt in den Fernsehnachrichten geht. Wenn sie keinen eigenen Nachrichtenstoff liefern, sondern Ereignisse oder Äußerungen nur kommentieren, landen die Verbände meist unter "ferner liefen" auf der Interessenskala der Redakteure. Die schönste Pressemitteilung hilft ihnen nichts, wenn die Grünen auch eine schreiben und die Medien so mit Widerworten aus der Ökoecke ausreichend versorgen - sofern für derlei Nachrichten in einer stark wirtschaftslastigen Debatte überhaupt noch Platz ist.

Nur einmal im Jahr, bei der Kritik am Waldschadensbericht der Bundesregierung, wird beispielsweise der BUND prominenter als die Grünen zitiert - ein publizistisches Ehrentor, gewissermaßen.

Je mehr die Umweltverbände die Vernachlässigung durch die Meinungsmacher bedauern, um so eifriger spekulieren sie über die Zeit nach einem möglichen Regierungsantritt der Rotgrünen unter Gerhard Schröder, von dem ja nicht gerade eine ökologische Revolution ausgehen wird. Jedenfalls wird die Rolle der Ökoopposition dann zwangsläufig neu besetzt werden müssen. Die Schröders und Stollmanns werden schon dafür sorgen, daß sich die Grünen dort verbiegen müssen, wo sie als Umweltpartei bisher noch standhaft sind. Das aber wird die Umweltverbände in eine prekäre Lage bringen: Der willkommene Zuwachs an öffentlicher Aufmerksamkeit bei Umweltthemen wird nur dann von Dauer sein, wenn Greenpeace, BUND, Nabu und die anderen bereit sind, die geistesverwandte Partei deftig zu kritisieren.

Den Grünen auf die Finger sehen

Ein grüner Verkehrsminister, der seine erste neue Autobahn einweihen muß, eine grüne Umweltministerin, die beim Klimaschutz, eingeklemmt in Sachzwänge, ähnlich laviert wie derzeit Angela Merkel - sie werden von der außerparlamentarischen Umweltlobby wenig Nettes zu hören bekommen, soviel steht fest. Und die Medien werden genüßlich versuchen, nach Ende der traditionellen Schonfrist grüne Minister von den Umweltverbänden zerfleischen zu lassen. So funktioniert halt die Mediendemokratie. Die Ökoverbände dürften in den Agenturmeldungen etwas nach oben rutschen, doch was sie dort verkünden, wird nicht mehr Überzeugungskraft, sondern auch Diplomatie von ihnen verlangen.

* Walter Schmidt ist Pressesprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).