Dort die Wirtschaftsmacht des reichen Nordens, hier die Ohnmacht des armen Südens. Thabo Mbeki, der Vizepräsident Südafrikas, umschreibt das ungleiche Verhältnis mit einer Metapher aus dem Tierreich: "Eine einzige Bewegung des ruhenden Elefanten kann eine ganze Kolonie von Ameisen auslöschen." Die Ameisen, in diesem Fall vier Dutzend Staatschefs und Delegationen aus 113 unterentwickelten Ländern, spenden dem Redner kräftig Beifall. Sie trafen sich in der vorigen Woche zum zwölften Gipfel der blockfreien Staaten in der südafrikanischen Hafenstadt Durban, um ihre totgesagte Bewegung in ein Sprachrohr der Schwachen gegen die Hegemonie der Starken zu verwandeln.

Wie eine Anklageschrift gegen den Norden lesen sich die Deklaration von Durban und das opulente Abschlußkommuniqué, aufgegliedert in 514 thesenartige Erklärungen. "Wir haben Jahrhunderte des Kolonialismus, der Unterdrückung und Ausbeutung ertragen. Wir waren die unsichtbaren Völker der Welt", heißt es dort. Der Tenor ist unmißverständlich: Uns reicht's! Denn tatsächlich ist im Zeitalter der Globalisierung die Kluft zwischen Arm und Reich nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Durch horrende Schuldendienste und verschlechterte terms of trade fließt unter dem Strich mehr Kapital aus dem Süden in den Norden als umgekehrt. Finanz- und Währungsspekulanten können kleine, fragile Volkswirtschaften über Nacht ruinieren. Die Bereitschaft der Industriestaaten zur Zusammenarbeit läßt nach. Und die von der neoliberalen Heilslehre gepriesenen Kräfte des freien Marktes können nicht ersetzen, was an technischer und finanzieller Hilfe ausbleibt.

Zum Ende des Jahrtausends ist die globale Ungleichheit größer denn je. "Ihr bangt um eure Aktiengewinne, wir sorgen uns um die nächste Mahlzeit", zürnte ein Delegierter aus Indonesien. Südafrikas Präsident Nelson Mandela, einstimmig zum neuen Vorsitzenden des Non-Aligned Movement (NAM) gewählt, bringt den Groll des Südens auf einen Nenner. Die politische Elite des Nordens habe nicht mehr die visionäre Kraft, die einen Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg oder den Wiederaufbau Ostdeutschlands nach dem Fall der Mauer beflügelte. Folglich müsse der Anstoß zu einer "globalen Erneuerung" von den unterentwickelten Staaten kommen.

Eine "Agenda für den Süden" soll die notwendigen Reformen auflisten

Das Zauberwort lautet Süd-Süd-Kooperation, eine alte Losung, die seit zwei Jahrzehnten in den Schubladen verstaubt. Die Armen wollen enger zusammenarbeiten, um den Reichen Beine zu machen. Sie streben faire Partnerschaft "jenseits von Wohltätigkeit und unterwürfiger Abhängigkeit" an.

Sie fordern einen Schuldenerlaß für die allerärmsten Staaten. Und drängen auf Demokratisierung der globalen Institutionen, des UN-Sicherheitsrates, des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der World Trade Organisation (WTO). "Diese Institutionen entscheiden wie Geiselnehmer über das Schicksal von NAM-Mitgliedern auf drei Kontinenten", sagt Chris Landsberg vom Centre for Policy Studies in Johannesburg.

Viel Geblök, wenig Wolle, spotten Gipfelprofis, die all die guten Ideen schon unzählige Male gehört haben. Doch diesmal kommen praktische Vorschläge hinzu, über die auch weitsichtige Politiker des Nordens nachdenken - in Durban fielen zum Beispiel die Namen von Oskar Lafontaine und dem französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn. Die Reformliste des NAM reicht von einem Regelwerk, das Finanz- und Währungsströme kontrolliert, über eine Zwangsabgabe auf Spekulationsgewinne bis zur Einführung von weltweiten Mindeststandards auf dem Arbeitsmarkt. Ein Team, zusammengesetzt aus führenden Ökonomen der Südhalbkugel, soll die Maßnahmen in einer Agenda für den Süden konkretisieren. Wie viele ihrer Kollegen im Norden werden die wohl lesen?