Draußen, vor dem Hotel, weht es stürmisch und zu warm für diese Jahreszeit. Die Fenster sind geschlossen, weil auch die neuen Fliegengitter keineswegs helfen. Während nebenan im Kulturpalast die Proben für die Uraufführung eines Stücks von Peter Hacks laufen, heißt hier das Dauerdrama "Sechs Mücken suchen einen Menschen". "Wir wissen auch nicht, wie es kommt", sagen die Angestellten des Hotels entschuldigend. "Ganz Bitterfeld ist voll von Mücken, es ist eine ständige Plage." Ein brandneues Hotel, Chrom und Glas und lila Teppichboden für all die Manager, die hier jeweils ein paar Wochen verbringen und das Restaurant als ihr Casino nutzen - denn was kann man tun in dieser Stadt, als hier ein Pils nach dem anderen zu trinken.

Und dann die achte Bitterfelder Geißel, die all das in Erinnerung piekt und sticht, bis kommt, was man so gern vergessen möchte: die Schwermetalle im Grundwasser, die Chemikalien in den Böden, den Schwefel in der Luft, den Staub in den Lungen und die Tränen in den Augen. Es ist vieles ganz anders geworden! Aber die Mücken, die bleiben.

Man konnte mehr unternehmen, damals, als mit der Erfindung des "Bitterfelder Wegs" Ende der fünfziger Jahre die "gegenseitige Durchdringung von Kunst und Arbeitswelt beschlossen" ward. Im Bitterfelder Kulturpalast, auf weißen Säulen ruht sein Dach, gaben sich die Laienensembles der Produktivkräfte abends ein Stelldichein, und immer wieder gastierten namhafte Theater der Republik. "Künstler in die Produktion!" hieß die Devise, aber auch umgekehrt: "Greif zur Feder, Kumpel!"

"Die Welt ist viele Leute und mehr Läuse", so heißt es in einer Komödie aus dieser Zeit. "Ich will sie lenken, also gibt sie mir / Die Richtung an. Ich will den Sozialismus. / Das ist mein letzt und einziges: ich will." Der Autor heißt Peter Hacks und ging, bereits erfolgreich und nicht unberühmt, von München 1955 nach Ost-Berlin. Sein Stück über Bitterfeld, Die Sorgen und die Macht, wurde nicht aufgeführt. Die Macht machte sich Sorgen auch um ihn, und aus den Sorgen wurde Kontrolle. Der Schriftsteller Peter Hacks, willentlich Klassiker bereits als junger Mann, erwarb viel Glanz und Geld im Westen und hielt daran fest, daß sein Publikum allein im Osten sei: die Leute, die sich zwinkernd und wissend in die Seite stießen, wenn in seinen Stücken, vielfach Bearbeitungen bekannter Stoffe in einem neu erfundenen Ton zwischen Brecht, Goethe und Kabarett, Anspielungen auf das Tatsächliche sich hören ließen. Der Hacks, das war ein Weltberühmter, der anders konnte und doch blieb: fest bis zum Dogmatismus in seiner marxistischen Weltanschauung, schmiegsam in seiner Sprache und freiwillig zu Hause heimatlos. Bis das Zuhause beitrat. Dann war er auch dort kein ferner Held mehr, sondern ein bißchen peinlich. Wie Großvater, der mitten im Frieden noch immer vom Krieg erzählt.

Acht Stücke allein hat er geschrieben seit dem, was man die Wende nennt.

Verlorene kleine Aufführungen, in Anklam und anderswo, und jetzt nimmt sich eine freie Truppe seines Kommentars zur Wende an, der seit fünf Jahren wartet: Orpheus in der Unterwelt, eine "Operette für Schauspieler" nach Motiven von Jacques Offenbach und Willibald Gluck, Uraufführung in Bitterfeld am 11. September 1998. Natürlich im Kulturpalast.

"Ach, ich habe sie verloren!" beginnt die berühmteste Arie Glucks, die Klage des Sängers Orpheus um seine entlaufene Frau. "Anhebt nun eine von den großen Sagen", heißt es in Hacks' Libretto, "Nicht daß Eurydike zum Orkus fährt, / Daß Orpheus hinterhergeht, ist in Tagen / Wie diesen unseren berichtenswert.