Unternehmerabend in der Dresdner Schankwirtschaft Zum Schießhaus. Zwei Dutzend Mittelständler diskutieren über Lohnkosten, Kündigungsschutz, öffentliche Aufträge, Bankenwillkür. Etwas unvermittelt erinnert ein junger Mann an das Gesetz der Kapitalakkumulation und fragt: "Kann man solche Gesetze einfach ausblenden?" Unwirsch kommt die Gegenfrage aus der Runde: "Was willst'n damit sagen? Marxistische Philosophie geht mir ab."

Keine selbstverständliche Entgegnung. Denn zu dem Abend hat der OWU Sachsen eingeladen, der Offene Wirtschaftsverband der klein- und mittelständischen Unternehmer, Freiberufler und Selbständigen im Freistaat Sachsen - und der versteht sich eindeutig als "linksgerichteter Unternehmerverband". Was das eigentlich ist, weiß keiner so genau. Da ist die (wohl ironisch gemeinte) Definition hilfreich, die der Veranstalter gibt: "Wir sind so etwas wie die fünfte Kolonne der PDS."

Der PDS kann das nur recht sein. Seit ein paar Jahren versucht sie gezielt, den Mittelstand für sich zu gewinnen - mit beachtlichem Erfolg. So weiß ein SPD-Mitglied der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern: "Wenn die PDS Veranstaltungen für Unternehmer macht, ist der Saal voll, anders als bei der SPD." Offensichtlich wählen in den neuen Bundesländern inzwischen mehr Mittelständler als Arbeitslose PDS. In der Partei selbst sind die Selbständigen überproportional stark vertreten, in Sachsen machen sie zwölf Prozent der Mitglieder aus.

Natürlich findet man auch in den neuen Bundesländern mehr Unternehmer bei Rotary als bei der PDS. Aber die Tage sind vorbei, als für die ostdeutsche Linke die Abkürzung KMU selbstverständlich für Karl-Marx-Universität stand und nicht für Kleine und Mittlere Unternehmen. Heute heißt es sogar ohne Ironie, das Kürzel PDS könne man getrost auch als Partei der Selbständigen lesen.

Einen der Gründe für diese Entwicklung nennt Katja Wolle, Mitglied im SPD-Landesvorstand Brandenburg und Bürgermeisterin von Petershagen-Eggersdorf im Osten von Berlin: "Viele ehemalige Funktionsträger der DDR haben kleine Gewerbebetriebe gegründet." Sie zogen Eigeninitiative der Arbeitslosigkeit vor, brachten dazu eine solide Ausbildung mit, möglicherweise auch ein Netz von Beziehungen - und sie wechselten nahtlos von der SED zur PDS.

Wie die 47jährige Maria Gangloff. Sie war vor der Wende Bürgermeisterin der Chemiestadt Böhlen, wurde 1990 abgelöst und hatte plötzlich keine Aufgabe mehr. Doch die pfiffige Frau mit dem roten Haarschopf fackelte nicht lange.

Sie nutzte ihre Erfahrungen und Verbindungen aus der Kommunalpolitik - und gründete ein Unternehmen, das Sportanlagen aufbaut, wartet und repariert.