Das schlechte Gewissen ist allgegenwärtig: Rund jeder zweite Deutsche glaubt, wie Umweltministerin Angela Merkel erforschen ließ, daß eine Umweltkatastrophe droht, "wenn wir so weitermachen wie bisher". Das Gefühl trügt nicht. Tatsächlich steigen die Bundesbürger immer häufiger ins Flugzeug, beanspruchen immer mehr Wohnraum und greifen immer häufiger zur Bierdose anstatt zur Pfandflasche. Im Verbrauch von Textilien sind sie gar Weltmeister. 60 Prozent des deutschen Beitrags zur Erderwärmung gehen auf das Konto der Privathaushalte, rechnete das Statistische Bundesamt kürzlich vor.

Wenn alle fast 6 Milliarden Erdenbürger dem Vorbild nacheifern, ist der ökologische Kollaps unvermeidbar. Trügerischer Wohlstand.

Panikmache? Keineswegs. Den Reichen dieser Erde wird jetzt sogar hochoffiziell bescheinigt: Ihr Leben in Saus und Braus ist nicht nur eine Provokation der armen Mehrheit

wegen der enormen Umweltverschmutzung gleicht es auch einem Anschlag auf das Wohlergehen künftiger Generationen. Die Alarmmeldung stammt vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das in dieser Woche seinen Bericht über die menschliche Entwicklung 1998 präsentiert.

Dennoch will James Gustave Speth, Chef der UN-Sonderbehörde, Westeuropäern und Nordamerikanern ihr süßes Leben nicht vermiesen. "Ausgedehnter Konsum ist kein Verbrechen", beruhigt er die Wohlstandsbürger, "aber es ist skandalös, daß die Armen nicht einmal genug konsumieren können, um wenigstens ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen."

In atemberaubendem Tempo ist der Konsum in diesem Jahrhundert weltweit gewachsen. Allein seit 1950 hat er sich versechsfacht: 1998 wird der Wert der verbrauchten Güter und Dienstleistungen 24 Billionen (24 000 Milliarden) Dollar betragen. Aber an fast 60 Prozent der 4,4 Milliarden Menschen, die in Entwicklungsländern leben, sind die Segnungen der Moderne spurlos vorbeigegangen: Sie wohnen in Siedlungen ohne sanitäre Einrichtungen. Fast ein Drittel, knapp 1,5 Milliarden, hat nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser. "Die Ungleichheit wächst", heißt es in dem UNDP-Bericht. Eine Milliarde Menschen in 70 Ländern müssen heute sogar mit weniger auskommen als vor 25 Jahren.

Doch im globalen Dorf läßt die Solidarität zu wünschen übrig. Trotz ihrer Konsumorgie fühlen sich die Industrieländer heute selbst arm. Politiker und Bürger schauen angstvoll auf die Kursentwicklung an den Börsen und scheren sich nicht um ihr Versprechen, für die armen Länder wenigstens 0,7 Prozent ihres Sozialprodukts abzuzweigen. Die offizielle Entwicklungshilfe sank 1997 auf das historische Tief von 0,22 Prozent. Zwar rangen sich die Reichen 1996 dazu durch, die ärmsten Länder wenigstens von ihrer Schuldenlast zu befreien.