Diese Musik ist ein Kind der Liebe. Die amerikanische Pianistin und Sängerin Shirley Horn gesteht: "Ich liebte Miles, den Mann, und Miles, den Musiker."

Ihre Zuneigung wurde erwidert. Miles Davis förderte sie und bewunderte ihre Musik. Es waren vor allem die fast im Zeitlupentempo gespielten Balladen der Lady, die ihn entzückten. Das "Schrecklich-Langsame" dieser Lieder törnte den Meister an. Dieses unglaubliche "Weniger ist mehr". Acht von neun Titeln der CD Shirley Horn, I Remember Miles (Polygram 557 199) hat seinerzeit Miles Davis aufgenommen. Ruhe ist das Siegel einer königlichen Gelassenheit. Das vereint das platonische Liebespaar Horn/Davis. Und doch liegt diese Erinnerungsmusik nicht in "blödem Schlaf", um mit der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska zu sprechen, sondern sie hat jene unangestrengte Klarheit, die aus dem Dunkeln kommt. Hier wird nicht im Schweinsgalopp des Bebop musiziert, den wir Musiker mit einem zynischen Slogan geißelten: "Schnell, schnell, schnell, wir wollen ins Bordell." Shirley Horn ist die weibliche Variante "des Typs mit dem Altsaxophon" aus Kerouacs "On The Road": "Die Zeit bleibt stehen. Er füllt den leeren Raum mit der Substanz unseres Lebens, mit Geständnissen dessen, was ihm Bauchschmerzen macht, mit Erinnerungen an Ideen, an Themen früherer Sessions. Er muß über die Brücken hinweg und wieder zurück, mit einem so tiefen, die Seele auslotenden Gefühl für die Melodie des Augenblicks, daß alle wissen, nicht auf die Melodie kommt es an, sondern auf ES." Beim heiligen Ellington: Shirley Horn hat dieses ES.

Um so schmerzlicher ist es, festzustellen, daß die CD nicht völlig makellos ist. Da ist der Tenorsaxophonist Buck Hill in "Baby Won't You Please Come Home". Bei den Intonationsdefiziten dieses Gentleman müßte der Titel eigentlich heißen: "Baby, Won't You Please Go Home". Und die anderen Sekundanten? Unter ihnen der Mundharmoniker Toots Thielemans. Er ist berühmt für seine "ewige Präsenz": "Du kannst Toots Heiligabend anrufen. Erstens kommt er sofort, zweitens spielt er umwerfend." Kein Wunder bei dieser Wahrsagerin am Piano.