Juden und Holocaust sind immer noch Reizwörter - Herr Naumann und Herr Diepgen wissen das sehr genau - für Politiker und Journalisten, ähnlich wie Viagra, Diana, Krebs. Als Teil des Wahlkampfes also wird über das Holocaust-Mahnmal für Berlin diskutiert. Das deutsche schlechte Gewissen, das haben Politiker und Journalisten längst raus, steht immer zur Verstörung bereit, man braucht es nur anzuklicken. Besser, man gäbe die Gelder dem jüdischen Krankenhaus, einer Schule, einem jüdischen Theater. Aber dann würde ja Berlin für besuchende (bezahlende) Amerikaner was fehlen. Nun kommt aber schon wieder ein jüdischer Witz dazu ein kleines, erfolgloses Berliner Theater will Fassbinders Müll-Stück aufführen. Medienerregung, wie bestellt.

Kleines Theater in den Schlagzeilen. Anfang der siebziger Jahre, als Fassbinder das Stück schrieb, ging er in einer ersten Diskussion mit Erich Fried, Jean Améry und Canaris auf Distanz dazu. Ob die Behauptung, der Verlag - Suhrkamp - hätte ihm das Stück zum Druck aus der Hand gerissen, bevor es fertig war, stimmt, ist heute irrelevant wichtig aber, daß Fassbinder, sicherlich einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegskünstler, nicht zu dem Stück stand. Heute ist es höchstens eine historische Absurdität, ein Beispiel dafür, wie schwer Naziprojektionen, Nazipropaganda aus den damaligen Köpfen rauszukriegen waren. "Der reiche Jude" war in den siebziger Jahren noch ein Weg für die deutschen Linken, ihren Antisemitismus an den Mann zu bringen.

Heute sind wir aber schon so viel weiter. Kein echter Linker würde sich heute mit solchen Parolen erniedrigen. Der heutige Weg des Antisemitismus läuft über Israel, über die "rechte" Regierung Netanjahus. Man ist natürlich für die "Minderheit", für die Palästinenser. Diskussionen über Fassbinders Stück als Ermunterung für Neonazis sind Pseudodiskussionen, die die eigentlich notwendige Israel-Juden-Diskussion verdecken.

Natürlich soll das Maxim Gorki Theater Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod nicht aufführen. Es ist ein miserables, peinliches Stück. Natürlich ist es (war es damals) antisemitisch in seiner Tendenz. Wie übrigens auch der herrliche Film Maria Braun, den Fassbinder - ein schwuler Witz - mir gewidmet hat. Aber wenn irgend jemand die Aufführung von Müll verhindern sollte, ist es Fassbinders Verlag, der auf die mickrigen Mäuse verzichten sollte und einem tollen, toten Autor damit einen großen Gefallen täte.