Besser hätte es gar nicht gehen können. Gerade mal zwei Jahre ist es her, daß sie die Ärmel aufkrempelten in der Berliner "Baracke", einer ehemaligen Baubude, die zum 99-Plätze-Ableger des Deutschen Theaters mutierte: die meisten frisch von der Schauspielschule, lauter junge Theaterbesessene um den Regisseur Thomas Ostermeier und den Dramaturgen Jens Hillje. Zwei Jahre sind eine verteufelt kurze Zeit. Andere Berufsanfänger hätten sie gerade mal als Schnupperphase genutzt, Gelegenheit, die Mühen der Ebene zu erkunden - dem "Baracken"-Team reichte sie zum erfolgreichen Gipfelsturm.

Über Nacht avancierte ein lokaler Geheimtip zum Kultort, der Kultort zum Hauptstadt-Hit. Raketensteil ging's aufwärts, nichts für Schwindelanfällige: erst die Doppeleinladung zum Theatertreffen 1998, dann der (Hilfe-)Ruf der Schaubühne - Ostermeier, übernehmen Sie! (Ostermeier wird übernehmen, gemeinsam mit Sasha Waltz, der Kollegin vom Tanz, Amtsantritt im Jahr 2000.)

Hat noch irgendwas gefehlt? Richtig: die offizielle Krönung in der Kritikerumfrage von Theater heute. Nun, im noch druckfrischen Jahrbuch, wird sie nachgeliefert: Die Baracke ist jetzt auch kritikstatistisch "Theater des Jahres 98". Ein Bühnenmärchen, das den wunderbaren Titel trägt: "Die Kleinen werden die Größten sein ..."

Besser hätte es gar nicht gehen können? Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Zwar gilt auch fürs Theater: Schöner ist es, sich am Erfolg abzuarbeiten, als gar keinen zu haben. Doch der Preis ist hoch. Tag und Nacht im Schaufenster der Öffentlichkeit, das halbe Premierenpublikum mit dem Kugelschreiber im Anschlag - so lebt sich's gefährlich.

Es kam, wie es - irgendwann - kommen mußte: Dem Höhenflug folgt ein Absturz.

Unter der Gürtellinie, Ostermeiers jüngste Produktion, ist ein Flop, eine herbe Enttäuschung. Der Regisseur hat die irgendwo zwischen Kafka und Rührstück irrlichternde Dreipersonenparabel des Amerikaners Richard Dresser mit Slapstick, Klamotte und Streichquartett länglich aufgemotzt - ein kraftloser Stilmix zum diffusen Thema "Der Mensch ist des Menschen Wolf". Es war, als Auftakt zum Schwerpunktthema "The Next Generation" der Berliner Festwochen, wieder eines dieser englischsprachigen Stücke, für die die "Baracke" so etwas wie der deutsche Brückenkopf geworden ist - kein Vergleich jedoch mit Ostermeiers starken Arbeiten wie Messer in Hennen und Shoppen und ficken.

Dennoch: Vom Zukunftskonzept der Autorenwerkstatt nach englischem Vorbild darf sich die "Baracke" jetzt nicht abbringen lassen. Theater braucht Experimentierräume, braucht die Lust am Ausprobieren. Und genau dies läßt sich vom neuen britischen Stückeboom, von den vital zeitgenössischen, brutal authentischen Schmuddel- und Schnoddergeschichten des New writing lernen: Bühnentexte müssen nicht für die halbe Ewigkeit, sie dürfen auch mal nur für drei, vier Jahre haltbar sein. Gerade die überzogenen Ansprüche an Gegenwartsautoren haben viel zur Erstarrung des deutschsprachigen Theaters beigetragen. Dringender Appell also an Ostermeier und Co.: Nerven behalten - und sich nicht in das lähmende System von Erwartungsdruck und Sicherheitsdenken hineinziehen lassen. Sonst hat man rasch ausgespielt.