Die Fernsehwerbung macht es vor: Als sie zum Abschluß des Abends mit ihm in einer Tankstelle ein Täßchen Kaffee trinken will, reagiert er höflich-enttäuscht. Doch dann greift sie beim Rausgehen flink ins Regal zur Sektflasche und guckt so auf eine bestimmte Art. Der Jungmann strahlt, und wir können uns mitfreuen, weil's nun den Gang der Dinge geht. Merke: Sekt ist sexy, Kaffee nicht.

Koffein und Alkohol sind die beiden weltweit am meisten konsumierten bewußtseinsverändernden Substanzen sie finden sich in so gut wie jedem beliebten Getränk, gehören zum Alltag, und wir alle meinen genau zu wissen, was sie in uns anrichten. Tatsächlich aber sind die Wirkungen häufig weniger eindeutig und zuweilen ganz anders, als gemeinhin angenommen wird.

Um die Lieblingsdrogen der Menschheit besser verstehen zu lernen, schickt uns der Bostoner Wissenschaftsjournalist Stephen Braun auf eine lebendig geschilderte Reise durch den Körper. Denn die verwickelten Wirkungen, die Alkohol und Koffein entfalten, liegen nicht etwa in den Substanzen selbst begründet - beide Moleküle sind chemisch sehr einfach und ihre Strukturen seit langem bekannt. Das Problem liegt vielmehr darin, daß sie so komplexe Zielorgane wie das Gehirn beeinflussen. So gilt Kaffee als Droge der Wahl, um das Denken auf Touren zu bringen, Kater, Kopfschmerz oder Müdigkeit zu bekämpfen. Gleichzeitig genießt Schokolade - die ebenfalls Koffein enthält - einen Ruf als Schlummertrunk. Auch der Alkohol ist ein Tausendsassa: einerseits Angstlöser und Sedativum, andererseits aber auch Stimulans und Triebbefreier - oder einfach nur Elixier des Vergessens.

Um zu erklären, wie es zu diesen zum Teil konträren Effekten kommt, skizziert Braun anschaulich und konkret die wesentlichen Aspekte der Nervenleitung und unserer inneren Entgiftungsmaschinerie. Das Alkoholmolekül, so lernen wir dabei, weist beispielsweise "eine gewisse Ähnlichkeit mit einem dicken Hund" auf. Schwierigere Fachbegriffe wie "Ionenpumpe", "Äthanolhydrogenase" oder "Neurotransmitterausschüttung" kommen durchaus vor, werden aber weitgehend plastisch erklärt.

Recht bunt geht es in zwei Kapiteln zu, die mehr oder weniger drängende Fragen des Alltags behandeln. Eine kleine Auswahl: Ist Alkohol ein geeignetes Schlafmittel, kann er Erkältungen oder sogar - le paradoxe français - Herzkrankheiten vorbeugen? Vertragen Frauen wirklich weniger Alkohol als Männer? Kann Kaffee dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen oder den Fettabbau fördern? Ist koffeinfreier Kaffee gut oder schlecht für die Gesundheit? Last, but not least: Ist Alkohol wirklich und zu Recht das weltweit am meisten gebrauchte Aphrodisiakum?

Die Antworten auf diese Fragen stellen zum Teil althergebrachte Vorstellungen vom Kopf auf die Füße. So zeigt sich, daß die Wirkungen von Alkohol und Koffein oft genau dem entsprechen, was wir von ihnen erwarten: Allein der Glaube an die beflügelnde Wirkung des Alkohols kann nicht nur die subjektive Erfahrung, sondern tatsächlich auch die physische Reaktion verändern. Von daher mag bei einem Rendezvous ein Gläschen Sekt wirklich stimmungsfördernder sein als ein Milchkaffee. Das Gehirn ist eben immer noch das wichtigste Organ der sexuellen Reaktion.

Zu üppiges Trinken allerdings bringt bekanntlich die Libido völlig zum Erliegen. Chronischer Alkoholkonsum kann zum Beispiel bei Männern eine deutliche Schrumpfung der Hoden bewirken, bei Frauen dagegen zu einer unregelmäßigen Menstruation führen und eine vorzeitige Menopause einleiten.