Die Krise an den Finanzmärkten läßt nicht nur Aktien- und Devisenkurse purzeln. Sie bringt auch kapitalistische Weltanschauungen ins Wanken, die bislang als unumstößlich galten. Selbst Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, einer der eifrigsten Prediger marktwirtschaftlicher Glaubenssätze, schlägt unter dem Eindruck der jüngsten Turbulenzen neue Töne an. Er habe Verständnis, wenn Schwellenländer unter bestimmten Umständen den Kapitalverkehr zu bremsen versuchen und so gegen die reine Lehre verstoßen, ließ Tietmeyer durchblicken.

Martin Kohlhaussen, Vorstandschef der Commerzbank und wie Tietmeyer eigentlich ein überzeugter Verfechter grenzenloser wirtschaftlicher Freiheit, geht sogar noch einen Schritt weiter. "Ungewöhnliche Umstände können ungewöhnliche Maßnahmen erfordern", sagt der Manager, der im Nebenberuf als Präsident dem Verband der privaten deutschen Banken vorsitzt. Kohlhaussen spricht sich dafür aus, daß Rußland staatliche Kontrollen des Devisen- und Kapitalverkehrs einführt, um die Not im Land zu lindern.

Derartige Aussagen deuten auf eine überraschende Trendwende hin. Bislang galt unter den meisten Politikern und Ökonomen die freie Fahrt für Geld und Kapital rund um den Globus als unabdingbare Voraussetzung für weltweiten Wohlstand. Nach dem Crash in Südostasien sowie in Rußland und der akuten Unfallgefahr in Südamerika mehren sich nun aber die Stimmen derer, die in dem ungehemmten internationalen Finanzverkehr ein Risiko für die Wirtschaft sehen und deshalb Geschwindigkeitsbegrenzungen fordern. Obwohl er derartige Vorschläge für verfehlt hält, glaubt Rüdiger Dornbusch, Wirtschaftswissenschaftler am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), daß "Kapitalkontrollen in Mode kommen".

Die Rolle des Trendsetters fällt dem malaysischen Regierungschef Mahathir Mohammed zu. "Der freie Markt hat katastrophal versagt", hatte der Politiker in der vergangenen Woche erklärt und strenge Beschränkungen des Devisenhandels angeordnet. Danach müssen alle jenseits der Grenzen gehaltenen Guthaben in der heimischen Währung Ringgit bis Ende des Monats ins Land zurückgebracht werden, und Einheimische dürfen bei Auslandsreisen nicht mehr als 10 000 Ringgit mitnehmen. Mit diesen drakonischen Maßnahmen reagiert Mahathir auf Attacken, mit denen unter anderem der amerikanische Megaspekulant George Soros Ende vergangenen Jahres den Kurs der malaysischen Währung zu Fall gebracht hatte. Asien habe seine Märkte gutgläubig geöffnet und multinationale Unternehmen hereingelassen, nun komme die Spekulation und prelle die Asiaten um die Früchte des hart erarbeiteten Erfolgs, hatte Mahathir Soros vorgeworfen.

Mit solch staatlichen Eingriffen steht Malaysia nicht allein. Fast zeitgleich begann die Regierung von Hongkong, mit Milliardenbeträgen aus den Devisenreserven an der heimischen Börse zu intervenieren und Aktien größerer Unternehmen aufzukaufen. Dahinter steht die Furcht, daß ausländische Spekulanten den Kurs des Hongkong-Dollar durch eine kalkulierte Baisse am Wertpapiermarkt nach unten drücken könnten. Auch Taiwan erschwert unterdessen den Verkauf von Aktien an seinen Börsen. All diese Aktionen sind für die Anhänger des "Kapitalismus pur" von Übel. Sie argumentieren, daß freie Finanzmärkte das Kapital automatisch in die profitabelsten und damit produktivsten Investitionen lenken. Greife der Staat hier ein, käme es zu Fehlallokationen, die wiederum dem Wirtschaftswachstum und der Beschäftigung schaden.

Diese Sicht der Dinge setzt allerdings perfekt funktionierende Märkte voraus, die es in der Praxis nicht gibt. Die Anleger an den Aktien-, Renten- und Devisenmärkten verhalten sich keineswegs so rational, wie es die Lehrbücher vorschreiben. Immer wieder kommt es zu spekulativen Übertreibungen und fundamental nicht gerechtfertigten Blasen. Wie der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert Shiller von der Yale-Universität in umfangreichen Untersuchungen herausgefunden hat, schwanken die Preise von Finanzprodukten weitaus heftiger als die wirtschaftlichen Daten, die sie widerspiegeln sollen. Das liegt vor allem daran, daß die Märkte von Erwartungen bestimmt werden. Diese richten sich allerdings weniger auf ökonomische Fakten als vielmehr darauf, was die anderen Akteure erwarten könnten, wie der große englische Ökonom John Maynard Keynes erkannte. Viele Marktteilnehmer, darunter auch die Profis aus den Banken, folgen häufig dem Herdentrieb und neigen zur Panik, andere sind ganz einfach schlecht informiert.

Kein Wunder, daß die "irrationalen Übertreibungen", die der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan bereits seit langem an den Börsen ausgemacht hat, zunehmen. Längst hat sich die Finanzsphäre von der Realwirtschaft abgekoppelt. Die weltweiten Umsätze an den Devisenmärkten übertreffen den internationalen Waren- und Dienstleistungsaustausch inzwischen um den Faktor 70. Die Lage wird Keynes zufolge spätestens dann ernst, wenn die Realwirtschaft zur "Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird".