Haben Sie vielleicht eine antike Münzsammlung gallischer Provenienz? Eine mittelalterliche Handschrift aus dem Burgund oder ein Kunstwerk von Hans Arp, das Sie eigentlich demnächst verkaufen wollten? Dann passen Sie auf. Es kann gut sein, daß Sie die wertvollen Stücke weder verkaufen noch gar behalten dürfen. Eine neue Spezies von Kunstbürokraten besteht nämlich auf Rückgabe an den "rechtmäßigen" Eigentümer - zum Beispiel an den französischen Staat.

Ins Rollen kam die großangelegte Rückrufaktion durch die EU-Kommission. Weil der freie Binnenhandel in der EU gelegentlich mit dem Ziel der Mitgliedsländer kollidiert, ihr nationales Kulturerbe gegen Abwanderung zu schützen, wurden 1993 neue Schlagbäume errichtet - in Form der EU-Richtlinie 93/7 zum Schutz von Kulturgut. Ihr Inhalt in aller Kürze: Nationale Kulturgüter, die ungenehmigt von einem EU-Land ins andere ausgeführt wurden, können vom Herkunftsstaat zurückverlangt werden. Und damit den Kulturhütern auch nichts entgeht, können exportierte Kunstgegenstände sogar noch dreißig Jahre nach Ausfuhr als nationales Kulturgut eingestuft werden.

Die in Rolandseck bei Bonn beheimatete Arp-Stiftung bekam das schon zu spüren. Sie kann das Erbe nicht antreten, das ihr die Arp-Witwe in Frankreich hinterlassen hat - ein Konvolut Skulpturen des Künstlers. Paris hat die Werke kurzerhand zum Kulturgut erhoben und die Ausfuhr untersagt. Da ein Export ohne Genehmigung eine "unrechtmäßige Verbringung" ist und wie eine Straftat behandelt wird, kann Kulturgut auch eingezogen werden. Ähnlich rigide wie Frankreich gehen mittlerweile auch italienische Behörden vor. Kuriosum am Rande: Der Bürgermeister von Florenz ließ zwanzig Aquarellblätter von Adolf Hitler nachträglich als italienisches Kulturgut einstufen, um so sicherzustellen, daß sie Italien erhalten bleiben.

Selbst gutgläubiger Erwerb von Kunstwerken wird deshalb zur Gratwanderung.

Kunsthändler befürchten bereits, daß der innereuropäische Kunsthandel über kurz oder lang zum Erliegen kommt. Zudem leistet die EU-Richtlinie staatlicher Schnüffelei Vorschub. Fortan bestehen für privates wie für öffentliches Kulturgut Meldepflicht und Eintragungszwang. Sammler wie auch Kunst- und Antiquitätenhandel müssen deshalb damit rechnen, daß amtliche Kunstbetrachter künftig ihre Bestände ausspähen.

Bonn hat der mit der Mehrheit der EU-Staaten verabschiedeten Richtlinie zwar nicht zugestimmt, dennoch auf eine Revision verzichtet und sich statt dessen auf Untätigkeit versteift. Das wiederum führte dazu, daß die Bundesrepublik vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt wurde, weil die EU-Richtlinie nicht in deutsches Recht umgesetzt ist. Erst nachdem die Klage vor dem EuGH anhängig wurde, reagierte Deutschland. Noch kurz vor seiner Sommerpause hat der Bundestag ein nationales Kulturgutsicherungsgesetz verabschiedet, in dem die EU-Richtlinie weitgehend berücksichtigt ist.

Das Gesetz mildert die Verpflichtung zur Rückgabe eines ausländischen Kunstwerkes zwar insofern ab, als der strittige Kunstgegenstand bereits vor der Ausfuhr aus einem EU-Land zum nationalen Kulturgut erklärt worden sein muß. Nachträgliche Einstufung wird von Bonn nicht akzeptiert. Viel ist damit jedoch nicht erreicht. Abgesehen davon, daß die Bonner Regelung nur für Deutschland gilt, ist auch beträchtlicher Streit mit den EU-Nachbarn programmiert, die das strengere EU-Recht exekutieren. Außerdem ist höchst fraglich, ob der Bundesrat dem Gesetz noch vor Ende der Legislaturperiode des Bundestages zustimmt. Lehnt er das Gesetz nämlich ab, wofür einiges spricht, müßte nach der Bundestagswahl ein neues Gesetzgebungsverfahren eingeleitet werden. Bis dahin aber dürfte der EuGH längst sein Urteil zugunsten der EU-Richtlinie und ihrer unmittelbaren Geltung auch für Deutschland gesprochen haben. Fände man beispielsweise hierzulande den verlorenen Ring des Polykrates irgendwo, könnte Griechenland ihn zurückfordern. Deutsche Gerichte müßten den Athener Anspruch bestätigen. Gefährdet wäre womöglich auch der Heilige Rock in Trier, weil der eigentlich dem Heiligen Vater in Rom gehört.