Wenn die Sterne über dem Prenzlauer Berg aufgehen, beginnt dort das Nachtleben, dann können Eltern auf dem Weg ins Kino oder in die Kneipe ihre kleinen Kinder zur Übernachtung bei Susanne Hofer und Thomas Purwin abgeben, für mindestens drei Stunden, längstens bis zum nächsten Morgen nach dem Frühstück.

Die 34jährige Kleinkindpädagogin und der 30jährige Kulturerzieher haben eine Marktlücke entdeckt als Alternative zum Babysitter: ein Hotel für Kinder von zwei bis acht Jahren. Die beiden kennen sich lange und wollten nach dem Studium gern gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Susanne ist außerdem alleinerziehende Mutter und möchte den dreijährigen Lewin nicht soviel allein lassen.

Sie legten alles Geld zusammen und mieteten das Dachgeschoß des gerade renovierten alten Mietshauses. 60 von 200 Quadratmetern gehören jetzt den Kindern: Der Raum mit den schrägen Fenstern direkt in die Sterne sieht aus wie ein Abenteuerspielplatz mit einladender großer Matratzenwiese, geräumigen und kleineren Betten sowie feuerroten und gelben Vorhängen, mit denen sich die Kinder ihr eigenes kleines Reich schaffen können.

Wer anruft, wird zu einem Vortreffen eingeladen. Atmosphärische Störungen sollen gleich erkannt werden, nicht erst am Abend der Übernachtung - dann gibt es womöglich großes Geschrei, wenn die Eltern verschwinden. Zwischen halb sieben und acht erscheinen die Gäste, haben ihren Schlafanzug, die Hausschuhe und eventuell Windeln dabei und sind auf die Situation vorbereitet. Die Eltern sollen nicht abrupt gehen, ein sanfter Übergang wäre schön, für beide, "nicht selten ist es so, daß gerade Mutter und Vater sich schwer trennen", weiß Susanne Hofer.

Danach geht es ins Bad, wer will, darf baden oder duschen, wer gar nichts möchte, wird nicht gezwungen. Von acht bis neun Uhr wird dann vorgelesen, gemeinsam eine Märchenkassette gehört oder einfach nur gekuschelt, bis bei sanfter Nachtbeleuchtung Ruhe einkehrt. Die beiden Betreuer schlafen rechts und links vom Kinderbereich, und wenn die Türen geschlossen sind, lauscht das Babyfon.

Gegen den Babysitter mit jahrelangem Familienanschluß ist Susanne Hofer chancenlos, das weiß sie. Aber für Kurzentschlossene sei das doch eine gute Alternative. Außerdem gebe es immer mehr Eltern, die ungern einem noch unbekannten Babysitter sowohl ihr Kind als auch ihre Wohnung überließen. Für die Kinder sei es einfacher, nicht allein einer fremden Person ausgeliefert zu sein, sondern in einer Art Ferienlageratmosphäre gemeinsam mit anderen die Nacht ohne Eltern zu verbringen, "das verdoppelt die Freude", da ist sie sicher.

Wer sich für die nicht ganz billige Möglichkeit (Sonntag bis Donnerstag 55 Mark, Freitag und Samstag 69 Mark inklusive Frühstück oder mindestens drei Stunden à 13 Mark) erwärmen kann, macht einen Vertrag, der die Kinder für die Dauer der Betreuung haftpflichtversichert. Kranke Kinder werden nicht aufgenommen, gegen Rotznasen ist nichts einzuwenden. "Ich bin keine Heilpädagogin", erklärt Susanne, "und auch keine Pflegemutter", darum darf kein Kind mehr als zwei aufeinanderfolgende Nächte bleiben, darauf legt das Jugendamt Wert. Den Eltern könnte das als Vernachlässigung angekreidet werden.